Philip J. Dingeldey hat in seinem Buch Aufgewachsen in Nürnberg in den 40er & 50er Jahren natürlich in erster Linie von den Gegebenheiten in Nürnberg erzählt, doch dürfte sich die Situation in jeder anderen vom Krieg gebeutelten Stadt in Deutschland nicht anders dargestellt haben. Er erinnert an die Zeit rationierter Lebensmittel, die es nur mit Lebensmittelmarken gab und an den Bau von Luftschutzbunkern. Überall hat Juden das gleiche, grausige Schicksal ereilt. Die Bevölkerung war Großangriffen mit Brand- und Phosphorbomben ausgesetzt. Das Alltagsbild der Kinder war geprägt durch Tote auf den Straßen und sie hörten von Vätern, die auf Heimaturlaub von der Front kamen und neben einem zerstörten Haus nur noch die Gräber ihrer Familie vorfanden.

Um sich über das wahre Ausmaß des Krieges zu informieren, hörte man heimlich den Feindsender. Der Autor berichtet vom Elend der Kriegsgefangenen, die nicht selten beim Entfernen von Luftminen oder Blindgängern umkamen und von der Kinderlandverschickung. Er erinnert auch an den schlimmsten Tag für Nürnberg, als die Stadt am 2. Januar 1945 total zerstört wurde. Er schreibt von der Kapitulation, der Entnazifizierung und den Nürnberger Prozessen. Die Bevölkerung litt Hunger und zum anfangs nur einen halbstündigen Unterricht mussten viele Kinder barfuß gehen. Der Schwarzmarkt blühte, es gab eine Währungsreform und die BRD wurde gegründet.

Endlich gab es neue Wohnungen, wenn auch die Sanitäranlagen noch zu wünschen übrig ließen. Leider formierten sich auch erste Jugendbanden und die Kriminalitätsrate stieg an. Nach rund zehn Jahren russischer Gefangenschaft kamen die Kriegsheimkehrer nach Hause und wurden freudig empfangen. Kinos lockten die jungen Leute, die nach einer entbehrungsreichen Kindheit ihre Jugend genießen wollten. Wer es sich leisten konnte, trug eine Röhrenjeans und legte sich eine Elvis-Tolle zu, während die Mädchen einen Kurzhaarschnitt hatten und einen Petticoat trugen. Nach einer Ausbildung träumte jeder von einer gut gefüllten Lohntüte für ein eigenes Auto. Den Lebenspartner fand man meistens auf der Tanzfläche und es wurde früh, mit 20 bis 25 Jahren, geheiratet.

Für das Buch Aufgewachsen in Nürnberg in den 40er & 50er Jahren befragte Philip J. Dingeldey Zeitzeugen. Er schreibt in der Wir-Form, so dass der Leser das Gefühl hat, ihm würde eine Gruppe von Personen aus ihrem Leben erzählen. Die Erlebnisse der Menschen und auch Fakten sind mit umfangreichem Fotomaterial dokumentiert und gerade junge Menschen könnten eine Menge für sie unbekannte Dinge aus dem Buch erfahren. Das Layout sorgt für eine ansprechende und übersichtliche Gestaltung. Lediglich sind dem Korrektorat einige Schwachstellen anzulasten und Erklärungsbedarf besteht bei der aufgestellten Rechnung, wie jemand an 6 Wochentagen mit einer Arbeitszeit von jeweils 7 bis 13 Uhr auf 51 Wochenarbeitsstunden kommen konnte.

Philip J. Dingeldey, Aufgewachsen in Nürnberg in den 40er & 50er Jahren, Wartberg Verlag 2013, Hardcover, 64 Seiten, ISBN 978-3-8313-1925-1, Preis: 12,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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