Wenn es darum geht Familienbande zu lösen, tun sich die meisten Menschen doch schwer. Ursula von Arx hat sich auf die Suche nach Personen gemacht, die bereitwillig Auskunft über ihre Eltern-Kind-Beziehung geben wollten. Sie hat jeweils mit einem Elternteil und deren Kind getrennt gesprochen, wobei sie gelegentlich Namensänderungen vornehmen musste. In einem Fall hat sie sogar eine Sonderbewilligung des Freistaates Bayern bekommen, um mit einem Inhaftierten ein fast vierstündige Gespräch führen zu können. Die gesammelten Ergebnisse stellt sie in ihrem Buch Liebe, lebenslänglich vor.

Der 21-jährige Daniel Niepoort will in die Fußstapfen seines Vaters treten, der als Winzer in Portugal das seit 1842 im Familienbesitz befindliche Unternehmen in der Douro-Region, die seit 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, leitet. Sein Vater Dirk leitet ihn auf recht ungewöhnliche Weise, die den Sohn sogar anfangs enttäuscht zurück lässt.
Una Szeemann hat berühmte Eltern, denn ihr Vater ist der Farbpsychologe Max Lüscher und die Mutter Ingeborg Lüscher eine Künstlerin. Die Tochter hat noch Erinnerungen an die Hippie-Gewänder der Mutter und schämte sich als Kind für ihre Familie.
Einer Mutter blieben nur noch elf Briefe von ihrem Sohn, der kurz vor seinem 23. Geburtstag den Freitod gewählt hat. Vor dem tödlichen Sprung hat er noch eine SMS an seine Freundin versendet und die geschriebenen Briefe mit der Bitte versehen, sie weiterzuleiten.
Ein 9-jähriges Mädchen hat wie ihr jüngerer Bruder zwei homosexuelle Mütter und zwei homosexuelle Väter. Für den leiblichen Vater, der Kinder als das größte Glück empfunden hat, war es nicht leicht, ein passendes lesbisches Paar zu finden.
Zwischen einer Mutter und ihrem Sohn ist das Eis erst während einer Semesterarbeit gebrochen.
Ein Vater meidet „die Stätten der Sünde“ und kann nicht verstehen, wieso zwei seiner Kinder zu Jesus gefunden haben, sein Sohn Arno Orzessek aber bis heute nicht den richtigen Weg gefunden hat. Immerhin hat er für seinen Roman Schattauers Tochter 2005 den Uwe-Johnson-Förderpreis erhalten.
Petra Krause-Wloch hat durch einen schweren Unfall ein entstelltes Gesicht. Ihren aus erster Ehe stammenden Sohn William Krause sieht sie nur zu Weihnachten, worunter sie sehr leidet. Ihrem Sohn, der sich seiner Mutter seit dem Studium „entrückt“ fühlt, ist das nicht bewusst. Trotz allem imponiert ihm seine Mutter, die sich nicht hat unterkriegen lassen und mit dem Buch Brandverletzt zur selbstbewussten Autorin wurde.
Bence Toth jun. verbüßt im Hochsicherheitsgefängnis Straubing eine lebenslange Haft. Er soll seine millionenschwere Tante aus Habgier getötet haben. Sein Vater kämpft seit sieben Jahren in der Öffentlichkeit für seine Freilassung und hat sogar seine Lebensversicherung aufgelöst, um die Verteidigung bezahlen zu können. Er hat die Bürgerinitiative „ProBence“ gegründet, die eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens fordert, das sich lediglich auf Indizien gestützt hat. Der Gefangene darf höchstens für fünf Stunden im Monat Besuch bekommen und macht sich trotz des eigenen Schicksals Sorgen um seine Angehörigen.

Jedem Fall des Buches Liebe, lebenslänglich setzt Ursula von Arx einen kurzen zusammenfassenden Inhalt in einem Absatz voraus. Sie schreibt von den unterschiedlichsten Schicksalen in flüssigem Stil, wobei sie auf jegliche Wertung verzichtet. Vielleicht kann sie mit ihrem einfühlsamen Werk erreichen, dass Bence Toth jun. doch noch ein faires Wiederaufnahmeverfahren erhält, auch wenn er schon jegliche Hoffnung darauf aufgegeben hat.

Ursula von Arx, Liebe, lebenslänglich, Kein & Aber 2013, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-0369-5678-7, Preis: 19,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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