Vincent Bentz wäre gerne Radiomechaniker geworden, doch notgedrungen musste er eine Lehre im väterlichen Betrieb machen. So arbeitet er auch mit neunzehn Jahren noch im Blumenhandel, obwohl im Jahr 1953 damit kaum Geld zu verdienen ist, da die Menschen eher etwas zum Essen benötigen. Als Vincent, der von einem Leben in Italien träumt und die Hoffnung hat, mit Nelken zu Reichtum zu gelangen, tatsächlich eines Tages gewinnträchtige Rotblaue Nelken züchtet, kämpft er um die Anerkennung seines Vaters Hans-Otto. Nachdem dieser aus der Gefangenschaft heimkehrte, interessiert er sich nur noch für das Skatspielen oder das Amsterdamer Rotlichtmilieu.

Der nach Lob und Liebe dürstende junge Vincent erlebt erste starke Gefühle in der Tanzschule, in die sein Vater ihn gedrängt hat. Erste sexuelle Erfahrungen sammelt er in einer Bar, auf dem Jahrmarkt besucht er eine Wahrsagerin. Nach seinem Vorbild Monte Christo sinnt er auf Rache für das seiner Meinung nach an ihm begangene Unrecht.

In dem Roman Rotblaue Nelken von Wolfgang A. Gogolin stehen die Charaktere von Vincent und Hans-Otto im Vordergrund. Der Vater kehrte mit „erstarrter Seele“ aus dem Krieg zurück und hat offensichtlich keine Skrupel, einen Nachbarn mit falschen Versprechungen in den Ruin zu treiben. Das Verhältnis zu seiner inzwischen verstorbenen Frau entsprach auch nicht der Normalität und es bleibt unklar, mit wem er zumindest noch ein Kind gezeugt hat, das er immerhin in einem Testament begünstigt. Vincent selbst konnte nicht einmal von seiner Mutter Liebe empfangen und geht als junger Mann ohne Freunde durchs Leben. Er kann weder eine Beziehung zu seiner hübschen Tanzpartnerin, noch zu der fröhlichen Prostituierten aufbauen, was ihn traurig zurück lässt.

Der Autor erinnert in Rückblicken von Vincent an die entbehrungsreiche Zeit nach dem Krieg, als es Steckrüben in allen Varianten zu essen gab, Kaffee für die Wenigsten erschwinglich war und oftmals zu kleine Schuhe getragen werden mussten. Es war die Zeit, als lernschwache Schüler eine Hilfsschule besuchten, Radiogehäuse sowie Telefone oder Schalter aus dem Kunststoff Bakelit gefertigt wurden und die Sitzflächen in öffentlichen Verkehrsmitteln üblicherweise aus Durofol bestanden. Auch das Rotlichtviertel Walletjes in Amsterdam, das als das erste Viertel weltweit gilt, in dem Prostituierte legal ihrem Gewerbe nachgehen durften, findet eine Erwähnung im Buch. Doch wenn Wolfgang A. Gogolin auch einen angenehmen Erzählstil pflegt und beispielsweise Verletzungen einer Handlungsperson treffend damit umschreibt, dass diese „nicht mit dem Leben vereinbar waren“, so wäre doch schwer eine Antwort auf die Frage zu finden, warum sich die Lektüre des Romans Rotblaue Nelken lohnen sollte. Denn eine wirklich spektakuläre Handlung findet in dem ausschließlich im Erzählstil verfassten Roman nicht statt. Er kann weder die Neugier auf den Fortgang der Geschichte wecken, noch mit einer Spannungskurve oder einem tieferen Sinn aufwarten.

Wolfgang A. Gogolin, Rotblaue Nelken, AAVAA Verlag 2017, Broschur, 150 Seiten, ISBN 978-3-8459-2334-5, Preis: 11,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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