Die in Hamburg mit ihrer Freundin Johanna lebende Journalistin Marie erhält eines Tages einen Brief von ihrer früheren Schulfreundin Christine aus Berlin, die sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Obwohl Der Brief an eine Anschrift in Paris adressiert ist, landet er in ihrem Postkasten. Doch nicht nur dieser Umstand irritiert Marie: Es ist von einem Victor die Rede, der ihr Freund sein soll, den sie aber gar nicht kennt, und von einer schon vor drei Jahren ums Leben gekommenen Yvonne werden ihr Grüße ausgerichtet. Marie kann sich auf all das keinen Reim machen und beschließt, Christine einen klärenden Besuch abzustatten.

Als Marie aus Berlin zurück ist, hat sie noch immer keine Antwort auf ihre Fragen, die sogar durch weitere irritierende Briefe zugenommen haben. Mittlerweile weiß sie, dass mit dem im ersten Brief erwähnten Vorfall ein lebensgefährliches Aneurysma gemeint ist, an dem sie leiden soll. Mit ihrer Lebensgefährtin Johanna überlegt Marie, von wem die Briefe stammen könnten. Sie tippt auf einen alten Schulkollegen, der aus Rache ein perfides Spiel treiben könnte. So sucht sie zunächst Martin in Frankfurt auf und landet schließlich in Paris, wo sie bei einem Freund von Johanna unterkommt.

Carolin Hagebölling kommt in ihrem Debütroman Der Brief bereits in den ersten Sätzen zur Sache, indem sie ihre Protagonistin den Inhalt des Briefes lesen lässt. Marie hat keine Erklärung und fühlt sich zunehmend unwohl. Von einer Ahnung getrieben, will sie unbedingt wissen, was hinter den rätselhaften Ereignissen steckt. Die Autorin lässt Marie in der Ich-Form erzählen, nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Paris, führt ihn zu Sehenswürdigkeiten und in die Katakomben, wobei es ihr offensichtlich wichtig war, auch das Szeneviertel für Schwule und Lesben nicht auszuklammern. Denn außer Marie und Johanna sind auch noch weitere Handlungspersonen wie deren Freunde in Paris schwul.

Von Anfang an fasziniert die ungewöhnliche Geschichte und der Leser ist gespannt, welche Auflösung ihn am Ende erwartet. Doch zunehmend nimmt der Plot mysteriösere Züge an und lässt ihn erahnen, dass es keine wirklichkeitsnahe Erklärung geben wird. Schlägt er das letzte Kapitel auf, was schon nach einigen Lesestunden der Fall sein kann, gerät er ins Stutzen, weil er glauben könnte, ein wichtiges Detail übersehen zu haben. Nicht jeder wird sich mit dem schnellen und überraschenden Ende zufrieden geben, denn es bleiben Fragen offen. Vermutlich hat aber genau das Carolin Hagebölling mit ihrem Roman bezweckt, der die Themen Wahrnehmung und Realität von einer ungewöhnlichen Perspektive beleuchtet.

Carolin Hagebölling, Der Brief, Deutscher Taschenbuch Verlag 2017, Klappenbroschur, 221 Seiten, ISBN 978-3-423-26146-3, Preis: 14,90 Euro.

Wie bewerten Sie dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 9 Stimme(n) | Bewertung 3,78 | Sie müssen sich registrieren, um am Leservoting teilzunehmen.
Loading...

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.