Die Kanzlerin – Eine Fiktion von Konstantin Richter

Die Kanzlerin - Eine FiktionWas geht im Kopf einer Bundeskanzlerin vor, wenn sie der Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner im Bayreuther Festspielhaus beiwohnt? Gedanken, die sich Angela Merkel machen könnte, hat Konstantin Richter in seinem Roman Die Kanzlerin – Eine Fiktion verarbeitet. Neben ihrem Mann Joachim Sauer sitzt sie in einer Loge und verfolgt nur mit mäßigem Interesse die Handlung auf der Bühne. Stattdessen setzt sie sich mit der Finanzkrise in Griechenland und dem aktuellen Flüchtlingsproblem auseinander. Sie erinnert sich an den Besuch eines Flüchtlingsheims in Heidenau, wo man sie auf Übelste beschimpft hat. In einem Gespräch mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer um die Frage, wie viel Flüchtlinge Deutschland aufnehmen kann, hatte er sie davor gewarnt, dass die Situation außer Kontrolle geraten könnte. Und auch der Innenminister Thomas de Maizière warnte sie später, die Grenzen weiterhin geöffnet zu halten, weil wegen fehlender Pässe der Flüchtlinge nicht mehr kontrolliert werden kann, wer ins Land einreist.

Angela Merkel erinnert sich ebenfalls an eine Indienreise, bei der ihr deutlich gesagt wurde, dass sie einen großen Fehler gemacht hat, was ihre Flüchtlingspolitik betrifft. Sie weiß, dass es aus allen Lagern wegen ihrer Entscheidungen Kritik hagelt und die Rechtspopulisten deutliche Gewinne für sich verbuchen. Obwohl eine Anschlagserie in Paris unzählige Todesopfer gefordert hat, die zumindest nach Meinung einiger auf ihr Konto gehen, entscheidet sie sich zu den letzten Klängen der Oper für die Kandidatur zur Wiederwahl.

Konstantin Richter beschreibt in seinem Roman Die Kanzlerin – Eine Fiktion den fiktiven Alltag unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wenn sie zum Einkauf in den Supermarkt geht, sucht sie auch dort nach politischen Problemlösungen und beim Kochen telefoniert sie mit Staatschefs. Will sie in einem See ein Bad nehmen, bittet sie ihre Sicherheitsmänner um etwas Privatsphäre. Ansonsten bereitet sie Sitzungen vor, führt Telefonate und ist in Gesprächen mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann, dem Regierungssprecher Steffen Seibert und diversen Ministern, die allesamt reale Personen sind. Lediglich ihr Social Media Analyst, der sie in Flüchtlingsfragen beraten soll, ist eine fiktive Person und gleichzeitig eine Lachnummer, denn er hat selbst keine Ahnung von der Sache und spielt während der Sitzung mit seinem Smartphone. Der Autor lässt es nicht an zynischen Worten fehlen, wenn er Politikern unterstellt, Gespräche zu fingieren, anstatt sie zu führen und was er über die Vorbereitung zu einer Pressekonferenz der Mitarbeiter von Angela Merkel schreibt, ist Satire pur.

Konstantin Richter schreibt vom Schicksal und den Strapazen der Flüchtlinge sowie von skrupellosen Schlepperbanden, merkt aber auch kritisch an, dass die Fluchtursachen nicht zuletzt deshalb bekämpft werden müssten, weil vor allem die jungen Männer im eigenen Land gebraucht werden. Natürlich ist der Roman fiktiv, wie der Untertitel schon besagt. Doch die Eckdaten, wie zum Beispiel, dass die Bundeskanzlerin in Templin in der Uckermark aufgewachsen ist und die Verleihung der Ehrendoktorwürde in Bern am 3. September 2015, sind real. Fakt ist ebenfalls, dass am 21. August 2015 Hunderte in Heidenau einem Aufruf der NPD gefolgt sind, um gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in einem leer stehenden Praktiker Baumarkt zu demonstrieren. Der Autor überzeugt mit einer umsichtigen, scharfsinnigen Beobachtungsgabe und hat mit dem Büchlein Die Kanzlerin – Eine Fiktion einen originellen Roman verfasst.

Konstantin Richter, Die Kanzlerin – Eine Fiktion , Kein & Aber Verlag 2017, Hardcover, 174 Seiten, ISBN 978-3-0369-5755-5, Preis: 18,00 Euro.

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