Während der Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre gelingt es dem bitterarmen Junior Whitshank, sich als Zimmermann zu behaupten und eine eigene Firma in Baltimore aufzubauen. Mit der naiven, aber auch cleveren Linnie Mae und ihren beiden Kindern Merrick und Red kann er schließlich in ein Haus ziehen, das er für eine betuchte Familie erbaut hatte und von dem er seit längerem geträumt hat.

Der mittlerweile erwachsen gewordene Red tritt in die Fußstapfen seines Vaters und wird Zimmermann. Er verliebt sich in Abby, die gegen den Vietnamkrieg demonstriert, eine natürliche Geburt propagiert und ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillt. Die Familie zieht mit ihren vier Kindern in das Haus von Reds Vater Junior. Dazu gehören die beiden Mädchen Jeannie und ihre Schwester Amanda, die als Rechtsanwältin in Krisensituationen stets einen klaren Kopf behält und einem ihrer Brüder couragiert die Leviten liest, sowie die beiden Jungen Stem und Denny, die ein angespanntes Verhältnis zueinander haben, was allgemein für Spannungen innerhalb der Familie sorgt. Zudem gibt Denny seinen Eltern immer wieder neue Rätsel auf, indem er einmal behauptet schwul zu sein, ein anderes Mal als fürsorglicher Vater auftritt, das College abbricht und keiner geregelten Arbeit nachzugehen scheint. Als Red im Alter einen Herzinfarkt erleidet, immer schlechter hört und Abby zunehmend vergesslich wird, machen sich ihre Kinder Sorgen und halten einen Familienrat ab. Stem zieht mit seiner Frau Nora und den Kindern zu seinen Eltern in das Haus, was allerdings zu weiteren Spannungen führt.

Anne Tyler beschreibt in ihrem Roman Der leuchtend blaue Faden den Familienalltag von Red und Abby. Seit 36 Jahren verbringen sie regelmäßig ihren Sommerurlaub in einem Haus am Strand und halten auch sonst an Gewohnheiten, wie einem Abendessen immer um dieselbe Zeit, fest. In Tischgesprächen oder Unterhaltungen werden ganz alltägliche Dinge thematisiert, wie sie dem Leser in der einen oder anderen Form bekannt vorkommen dürften. Das Paar sieht seine Kinder groß werden und vieles wiederholt sich später, als sie ihre Enkelkinder aufwachsen sehen. Die Familie wahrt nach außen den Schein einer glücklichen, harmonischen Familie, doch brodelt es im Innern: Einer ist eifersüchtig auf den anderen, manch einer bewahrt kleine Geheimnisse für sich, die Alten hängen ihren Erinnerungen nach, während den Jungen nicht bewusst ist, dass ihre Eltern auch einmal jung waren.

Es ist schon eine großartige Leistung, wie es Anne Tyler in ihrem Roman Der leuchtend blaue Faden gelingt, den Leser an ein Buch zu fesseln, obwohl die Handlung keine offenen Fragen aufwirft und er keine Auflösung erwartet. Trotzdem kann er sich dem Sog, unbedingt weiter zu lesen, nicht entziehen, was auf den einzigartigen Erzählstil der Autorin zurückzuführen ist. Sie beginnt den Roman zeitlich im Jahr 1994, als Red und Abby von einem Telefonanruf ihres Sohnes schockiert werden, um dann einen Sprung ins Jahr 2012 zu machen. In Rückblicken, die in die Jahre 1926, 1931 und 1959 führen, erfährt der Leser vom Beginn der Beziehungen zwischen Junior und Linnie Mae sowie Red und Abby. Für junge Leute ist der Generationen übergreifende Roman wahrscheinlich weniger interessant. Doch Leser, die bereits die Lebensmitte überschritten haben, werden sich in vielen Situationen wiedererkennen, und wer klassische Literatur zu schätzen weiß, wird von dem Roman Der leuchtend blaue Faden beeindruckt sein.

Anne Tyler, Der leuchtend blaue Faden, Kein & Aber 2015, Hardcover mit Schutzumschlag, 447 Seiten, ISBN 978-3-0369-5712-8, Preis: 22,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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