An einem frühen Morgen erhalten die Bewohner des Hauses Lienhardstrasse 7 alle den gleichen Brief, die Kündigung ihrer Wohnung. Der Besitzer möchte das Haus in dem angesagten Viertel sanieren und anschließend teurer vermieten. Notgedrungen bildet sich eine Schicksalsgemeinschaft der Mieter, die gemeinsam gegen die Kündigung vorgehen wollen. Der Immobilienmakler Fabio Sonetto, der zusammen mit seiner Freundin, der Journalistin Paola Kesselmann und dem Mops Momo die Wohnung im zweiten Stock bewohnt, hat alle Mieter zu einem ersten Treffen eingeladen.

Als Delphine, die in einer WG unterm Dach wohnt, bei Paola und Fabio eintrifft, sind die anderen Mieter alle schon im Wohnzimmer versammelt. Tim Gutjahr, der mit seiner Frau Judith und den beiden Kindern Luca und Laurin im ersten Stock lebt, unterhält sich mit Paola und Virginia Caviezel, einer 38-jährigen, alleinerziehenden Mutter, die mit ihrer Tochter Cosima die Wohnung im dritten Stock bewohnt. Vischer, der inmitten seiner Fahrräder im Erdgeschoss lebt, steht unbeteiligt bei der Gruppe, und Delphine wundert sich, dass sie in den zwei Jahren, die sie in dem Haus wohnt, noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hat. Nachdem Tim die inoffizielle Zusammenkunft eröffnet hat, berichtet Fabio über die Möglichkeiten, gegen die Kündigungen anzugehen und schlägt vor, sich zunächst beim Mieterverband zu erkundigen, bevor sie die nächsten Schritte bereden.

Max Küng schildert in seinem Roman Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück die Probleme und Krisen, die sich im Leben der Bewohner eines fiktiven Hauses in Zürich ereignen: Der schweigsame Vischer hört gerne klassische Musik und hat sich vorgenommen, mit dem Fahrrad alle Straßenpässe der Schweiz zu überqueren, doch weiß niemand, wovon er lebt. Tim Gutjahr ist ein beliebter TV-Moderator, der seine Frau zunächst nur in seiner Vorstellung und dann mit Maria betrogen hat. Sie hat ihm verziehen, und während er mit Einsparungen des Senders und Einschaltquoten zu kämpfen hat, interessiert sich Judith zunehmend für den seltsam anmutenden Vischer. Paola will Tim zu einer Homestory für die Illustrierte bewegen und erpresst ihn mit seiner Affäre, um ihren Job nicht zu verlieren. Fabio versucht sein Glück mit Sportwetten im Internet, denn er scheitert an dem Verkauf einer Luxuswohnung. Seit der Trennung von ihrem Mann Cuno lässt es Virginia hin und wieder in der Partyszene krachen und hat eine Affäre mit dem jungen, begnadeten Koch Lukas, während ihre pubertierende 14-jährige Tochter vorgibt, bei ihrem Vater zu übernachten. Delphine, die mit Urban in einer WG lebt, jobbt in einem Fitnesscenter, in dem auch einige ihrer Nachbarn Mitglied sind. Sie besucht die Kunsthochschule und plant die Installation eines reflexionsfreien Raums.

Während dem Leser im Verlauf der Handlung immer mehr aus dem Leben der Protagonisten offenbart wird, wissen die Handlungspersonen nur wenig über ihre Nachbarn, obwohl sie glauben, die Hausbewohner zu kennen. Max Küng hat den Roman Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück in Zürich angesiedelt, doch könnten sich die Ereignisse auch in jeder anderen Großstadt so oder ähnlich zugetragen haben. Einzig eine kritische Äußerung des WG-Mitbewohners Urban hat einen Bezug zu Zürich. Dem Autor ist es hervorragend gelungen, seine gesellschaftskritischen Anmerkungen in scheinbar banale Begebenheiten zu verpacken. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, der die temporäre Begegnung bei Wahrung der Integrität wichtiger ist als zwischenmenschliche Beziehungen. Ein unterhaltsames und zugleich lesenswertes Buch, denn wer will schon im wahren Leben etwas über seine Nachbarn wissen?

Max Küng, Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück, Kein & Aber 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 381 Seiten, ISBN 978-3-0369-5744-9, Preis: 22,00 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

2 Kommentare

  1. In unserer Siedlung kennt jeder seine Nachbarn und das ist auch gut so! Man hilft sich gegenseitig und ist für seine Nachbarn da, wenn sie Hilfe benötigen.

  2. Hallo Herbert,

    in diesem Fall sind deine Nachbarn Freunde, die du dir nicht selbst ausgesucht hast.

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