Fantastische Welten, echte Gefühle: Ein Streifzug durch Nöstlingers Kurzgeschichten

Cover von Das große Nöstlinger Lesebuch von Christine Nöstlinger

Ein Kaleidoskop aus Humor, Fantasie und Alltag

Der Kurzgeschichtenband Das große Nöstlinger Lesebuch versammelt ausschließlich Geschichten der bekannten Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger und deckt eine beeindruckende Bandbreite an Themen ab. Da gibt es etwa den Jungen Jim, dem grüne Bohnen aus Nase, Mund und Ohren wachsen, oder Schulkinder, für die ausgerechnet ein Hund der beste und liebste Lehrer ist. Das Mädchen Kathi muss für die Schule stricken lernen, Jo packt seinen Kummer in eine Kummerdose, und Anna trommelt ihre aufgestaute Wut einfach weg.

In weiteren Erzählungen wird der Ausgang des Märchens „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ infrage gestellt, ein König erlässt Gesetze zum Schutz der Kinder, Hugo trennt sich aus Liebe von seinem Lieserl, und Pinocchio landet im Spielzeugland.

Familiengeschichten, Weihnachtsrätsel und Piratenabenteuer

Die Leser erfahren außerdem, wie es der Familie Gugurell mit ihrem Hund Guggi ergeht und dass sich Kitti und Michl so gar nicht mit den Plänen ihrer Eltern anfreunden können. Eine Geschichte dreht sich um die Frage, ob die Mutter oder das Christkind den Pullover zu Weihnachten gestrickt hat, und in einer anderen erlebt Hugo, dass ein Küken nicht immer klein und süß bleibt.

Schließlich zieht es einen Stadtstreicher in die Ferne, und Leons größter Wunsch ist es, Koch auf einem Piratenschiff zu werden. In der Fortsetzung muss er gemeinsam mit seinem Piratenvater einen Schatz finden – und wird dabei auch noch von einem Unwetter überrascht.

Zwischen Märchen, Lebensnähe und Abenteuerlust

Die Beispiele zeigen bereits, wie vielfältig die Geschichten sind: mal lustig, mal traurig, mal märchenhaft, mal lebensnah. Einige sind rührend und herzergreifend, andere wecken Abenteuerlust oder regen zum Nachdenken an.

Da Christine Nöstlinger in Österreich lebt, sind nicht allen Lesern Begriffe wie „zerpecken“ oder „Essigpatschen“ geläufig. Wörter wie „Bub“ oder „Kipferl“ sind zwar im deutschen Sprachgebrauch nicht üblich, aber immerhin den meisten bekannt. Schwieriger wird es bei Formulierungen wie „rund-uma-dum hutschen“, die selbst Eltern junger Leser ratlos zurücklassen könnten. Hinzu kommt, dass manche Texte bereits über 40 Jahre alt sind – aus einer Zeit, in der in Österreich noch der Schilling Zahlungsmittel war.

Zeitkolorit und sprachliche Eigenheiten

Christine Nöstlinger wurde vor fast 80 Jahren geboren, und so überrascht es nicht, dass in ihren Geschichten Mädchen zur Begrüßung noch einen Knicks machen – eine Höflichkeitsform, die heutigen Kindern kaum noch vertraut sein dürfte. Auch manche Formulierungen wirken aus heutiger Sicht ungewohnt, etwa wenn der Geburtsvorgang so beschrieben wird, dass das Kind „aus dem Bauch der Mutter kriecht“.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 8 Jahren, sodass selbst junge Leser diese Stellen vermutlich eher amüsant finden werden.

Ein Lesebuch mit Charme – und kleinen Einschränkungen

Trotz kleiner Stolpersteine ist Das große Nöstlinger Lesebuch empfehlenswert. Die Geschichten reichen von wenigen Zeilen bis zu mehreren Seiten und bieten eine abwechslungsreiche Mischung aus Humor, Fantasie und Gefühl. Besonders die zahlreichen farbigen und sehr schönen Illustrationen namhafter Künstler werden Kindern große Freude bereiten.

Das große Nöstlinger Lesebuch von Christine Nöstlinger

Cover von Das große Nöstlinger Lesebuch von Christine Nöstlinger
Beltz & Gelberg Verlag 2011
Hardcover
286 Seiten
ISBN 978-3-407-79996-8

Bildquelle: Beltz & Gelberg Verlag

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