Alsterherzen von Sofie Berg

AlsterherzenDie beiden Schwestern in dem Roman „Alsterherzen“ von Sofie Berg könnten kaum unterschiedlicher sein: Für die in einem Warenhaus beschäftigte ältere Eva zählen nur „Mode, Filme, Jungs und Musik“. Sie schwärmt für die Beatles, während Anne am liebsten Tschaikowsky hört und sich im Jahr 1962 eine Lehrstelle als Fotografin wünscht. Umso größer ist die Enttäuschung, dass ihre Eltern Ingrid und Georg Reimers für ihre vierzehnjährige Tochter eine Ausbildung in einem Büro vorgesehen haben.

Fünf Jahre später ist Eva mit Jürgen Hoffmann verlobt und hofft auf eine baldige Heirat. Doch dieser Traum zerplatzt ausgerechnet im Warenhaus. Als sie ihre Tränen vor den Kollegen nicht mehr zurückhalten kann, nimmt sich der Kaufhausdirektor Lothar Christensen ihrer an und tröstet sie über den Verlust des Verlobten hinweg. Unterdessen lernt Anne auf einer Demonstration Peter Schäfer kennen, einen Studenten der Politikwissenschaft. Anders als Familie Reimers wohnt dieser in dem vornehmen Vorort Blankenese. Zudem ist sein Vater ein Unternehmer, während Ingrid Reimers als Putzfrau arbeiten muss. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Anne wird nicht gut von Peters Eltern aufgenommen, und auch ihre Schwester Eva hat es nicht leicht, nachdem sie sich wieder verliebt hat.

Der Roman „Alsterherzen“ beschreibt in erster Linie die Entwicklung der beiden Schwestern über einen Zeitraum von zehn Jahren, in der diese verschiedene Lebensphasen durchschreiten. Anne, denen die Eltern immer vertrauen konnten, interessiert sich unter dem Einfluss von Peter zunehmend für die Politik. Als die Familie die in Norwegen lebende Großmutter besuchen will, bleibt sie allein zurück. Sie nimmt an Demonstrationen und dem Ostermarsch teil, findet zu Peters Freunden allmählich Zugang und verschafft sich bei ihnen Akzeptanz. Eva missfällt der Umgang ihrer Schwester mit dem langhaarigen Studenten, und das geschwisterliche Verhältnis gerät zunehmend unter Spannungen.

Sofie Berg konnte, wie sie im Nachwort erklärt, bei den Abläufen der geschilderten Demonstrationen auf Zeitzeugen zurückgreifen, weshalb sie die Ereignisse in dem Roman sehr detailliert umsetzen konnte. Auf den ersten Seiten geht es hauptsächlich um Gespräche der Familienmitglieder untereinander, doch immer mehr steuert der Plot in eine politische Richtung. Die Autorin erinnert beispielsweise an die Ausschreitungen anlässlich des Besuches des Schahs von Persien, die Ermordung Kennedys, an den Schuss auf Rudi Dutschke, die 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze und ebenfalls daran, dass Kurt Georg Kiesinger als ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler werden konnte.

Da Ingrid Reimers norwegische Wurzeln hat, muss Eva bei einem Besuch ihrer Großmutter hinnehmen, dass ihre Mutter von den Freunden ihres Cousins als Deutschenhure beschimpft wird, die sich im Krieg mit dem Feind eingelassen hat. Der Plot thematisiert sowohl die Zeit der norwegischen Besatzung, wie auch den kontrovers diskutierten Beitritt Norwegens zur EWG. Der wendungsreiche Roman „Alsterherzen“ weckt von Anbeginn das Interesse auf den Fortgang der Handlung und ist ein Zeitzeugnis eines von Umstrukturierungen geprägten Jahrzehnts, in dem die Pille einen Siegesmarsch davontrug, der Kuppeleiparagraphen vielen besorgten Eltern, allein schon wegen des Geredes der Nachbarn, das Leben schwer machte und sich das Telefon in den privaten Haushalten mehr und mehr durchsetzen konnte.

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Alsterherzen von Sofie Berg

Alsterherzen
Gmeiner Verlag 2022
Klappenbroschur
345 Seiten
ISBN 978-3-8392-0099-5

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Bildquelle: Gmeiner Verlag
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