Land unter Schnee von Julia Heinecke

Land unter SchneeAn Weihnachten 1978 führte ein äußerst seltenes Wetterphänomen zu einem Ereignis, das besonders den Norden Deutschlands betraf und als die Schneekatastrophe in die Geschichte eingehen sollte: Massive Stromausfälle, abgeschnittene Dörfer, entgleiste Züge, Deichbrüche an der Ostsee und Menschen, die bei eingefrorenen Wasserleitungen in klirrender Kälte verharrten. Oftmals warteten Angehörige auf ein Lebenszeichen, da die Telefonleitungen nicht funktionierten und Handys erst Jahre später auf den Markt kamen. Vor dem Hintergrund dieser sich anbahnenden Katastrophe handelt der Roman „Land unter Schnee“ von Julia Heinecke.

Der in Söreby praktizierende Landarzt Doktor Hans-Peter Fink feiert mit seiner Ehefrau Rena, den drei Kindern, Renas Eltern sowie ihrer kinderlosen Schwester Sibylle und Ehemann Thomas das Weihnachtsfest. Am 28. Dezember geht der seit den Morgenstunden einsetzende Regen bereits in Eisregen über, der Wind nimmt zu und schon am späten Nachmittag setzt heftiger Schneefall ein. Trotz des widrigen Wetters macht Hans Fink noch Hausbesuche, unter anderem bei seiner schwangeren Auszubildenden Gunda, die in der 35. Woche ist. Zu Hause wird er schon ungeduldig von Rena empfangen, die mit ihm zum Polterabend des Bürgermeisters von Bröderup und Söreby möchte. Hans, der es schon von seinen Hausbesuchen kaum nach Hause geschafft hat, hat größte Bedenken. Doch Rena will davon nichts wissen und drängt zum Aufbruch. Als sie in einer Schneewehe feststecken, bereut Rena, ihren Mann zu der Fahrt überredet zu haben.

Unterdessen kämpft Michaela, eine Angestellte des Doktors, mit ihrem Mann Achim, den zwei Kindern und ihrem Schwiegervater Otto Truelsen auf dessen Bauernhof um das Überleben der gerade geborenen Ferkel, denen nach dem Stromausfall das wärmende Rotlicht fehlt. Durch den Ausfall der Grundwasserpumpe bekommen die Kühe und Schweine kein Trinkwasser und es muss wie früher wieder mit der Hand gemolken werden. Zudem kann der brummige Bauer Otto nicht richtig anpacken, seit er sich mit der Mistgabel eine Verletzung zugezogen hat. Der Rentner Willi Moretzka leidet am meisten darunter, dass ihn die Schneemassen daran hindern, für seine Alkoholsucht Nachschub zu besorgen.

Auf dem Polterabend sorgen sich die Gäste um DJ Manne, der offensichtlich nicht zu ihnen durchkommt. Um den Gästen, darunter viele Ärzte aus Flensburg, eine sichere Heimfahrt zu ermöglichen, bestellt Bürgermeister wegen des „Schietwetters“ einen Bus, der allerdings auf der Bundesstraße in einer Schneewehe feststeckt. Wie sollen ihre Ehefrauen, die nur dünne Nylon-Strumpfhosen und Absatzschuhe tragen, im tiefen Schnee ihre Notdurft verrichten? Erst am nächsten Morgen wird den Ärzten bei Schichtbeginn klar, dass sie die bis zur Erschöpfung arbeitenden Kollegen in Flensburg nicht ablösen können. Während sie alle auf Rettung warten, verharren Renas Schwester Sibylle und ihr Mann Thomas in ihrem eingeschneiten Auto bei klirrender Kälte. Sie wollten in einem Ferienhaus in Dänemark den Jahreswechsel verbringen, haben allerdings unvernünftiger Weise am 29. Dezember ihr warmes Ferienhaus verlassen.

Im Wechsel schreibt Julia Heinecke von den Begebenheiten der im Bus festsitzenden Polterabendgesellschaft und dem im Auto ums Überleben kämpfenden, in einer Ehekrise steckenden Ehepaar. Der Alkoholiker Willi Moretzka hat angesichts der Kälte Bilder vom Krieg im Kopf, weil er zu der Zeit wie bei der späteren Flucht aus Schlesien fürchterlich gefroren hat, und Doktor Fink versucht zu seiner Auszubildenden durchzukommen, die einen Blasensprung hat und der mit einer Steißlage eine schwierige Geburt bevorsteht.

Julia Heinecke erinnert in ihrem Roman „Land unter Schnee“ auch an eine damalige, nicht wie heute alltägliche Besonderheit, das Farbfernsehen. Zu Weihnachten 1978 stand ein solches TV-Gerät noch nicht in jedem Haushalt, und bis dato war es kein seltener Anblick, wenn jemand die auf dem Gerät stehende Antenne mit der Hand für ein gutes Bild festhalten musste. So schlimm die Schneekatastrophe war, die leider auch Menschenleben gefordert hat, so sehr hat dieses Ereignis aber auch gezeigt, wie Menschen in der Not zusammenrücken. Die Autorin fesselt den Leser, der sich, will er bei der Lektüre nicht frösteln, warm anziehen sollte, von den ersten Seiten an ihre spannend aufgebaute und Mitgefühl erregende Geschichte, die sich in diesem Ausmaß in der Realität hoffentlich nie mehr wiederholen wird.

Land unter Schnee von Julia Heinecke

Land unter Schnee
Gmeiner Verlag 2022
Taschenbuch
275 Seiten
ISBN 978-3-8392-0274-6

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Bildquelle: Gmeiner Verlag