Der tanzende Direktor von Verena Friederike Hasel

Der tanzende DirektorDie in Berlin aufgewachsene Verena Friederike Hasel hat mit ihrem Ehemann und den drei Töchtern ein halbes Jahr bei den Maori in Narrow Neck, einem Vorort von Auckland, verbracht. In ihrem Buch Der tanzende Direktor schreibt sie über das Bildungssystem in Neuseeland, das immer noch auf den von Sylvia Ashton-Warner entwickelten Methoden basiert, die vor mehr als einhundert Jahren geboren wurde. Gleichwohl wurde das Schulsystem in den 1980er Jahren innerhalb von nur vierzehn Monaten einer radikalen Änderung unterzogen. Ein von der Regierung entworfenes „Dezilsystem“ verteilt das für die Bildung bereitgestellte Geld gerecht, und der ständige Austausch zwischen Wissenschaftlern und Schulen hat dazu geführt, dass das erfolgreiche Pilotprojekt „Reading Recovery“ von den USA, Kanada, England und Australien übernommen wurde.

Immer wieder stellt die Autorin, die gerne an der Seite ihres Kindes einen „Erziehungskünstler“ nach dem Vorbild von John Keating aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ hätte, Vergleiche zum deutschen Schulsystem an. Anders als bei uns sind die Lehrer in Neuseeland keine „Einzelkämpfer“, denn immer wieder wird ihr Unterricht von Kollegen besucht. Sie müssen alle drei Jahre ihre Lehrerlaubnis erneuern, wozu sie eine ausreichende Fortbildung nachweisen müssen. Positive Beiträge der Schüler werden anstelle eines negativen Verhaltens kommentiert und das mathematische Denken wird gefördert, indem Zahlenreihen nicht nur stur aufgesagt werden. Reformen werden durchdacht, bevor sie durchgesetzt werden, so dass nicht nach kurzer Zeit das eingeführte „Turbo-Abi“ wieder rückgängig gemacht wird, wie es in Deutschland geschehen ist. Von den Schülern wird kein Perfektionismus erwartet, und der Lehrer macht bewusst Fehler, bevor er die möglichen Hilfsmittel zur Korrektur aufzeigt.

Verena Friederike Hasel übt in ihrem Buch Der tanzende Direktor Kritik anhand klar umrissener Punkte an unserem Schulsystem und hebt dagegen die positiven Merkmale des in Neuseeland praktizierten Systems hervor. Dazu gehört beispielsweise, dass Schüler in einem wöchentlich stattfindenden Buchclub ihre Lieblingsbücher vorstellen oder sich als Höhepunkt der Literaturwoche bei der Buchparade als ihre liebste Romanfigur verkleiden, was ihren Spaß am Lesen fördern soll. Wen wundert es da, wenn neuseeländische Schüler in einer Studie in den Punkten Textverständnis und Interpretation am besten abschneiden? Trotz eines klar gesteckten Rahmens lässt man ihnen viel Freiheiten in der Ausgestaltung der ihnen gestellten Aufgaben und sie übernehmen Verantwortung: Geht die Sekretärin in die Pause, übernehmen Schüler das Telefon.

Neben den Fakten zum Schulsystem vermittelt die Autorin ebenfalls Hintergrundwissen zur Geschichte Neuseelands, dem Ökosystem sowie den Gewohnheiten der Maori. Bei aller berechtigten Kritik an dem in Deutschland praktizierten Bildungssystem darf aber nicht übersehen werden, dass es auch bei uns engagierte Lehrer gibt, die „neue Wege“ beschreiten. Die Aufforderung zum „Einfrieren“ der Schüler, womit der Lehrer sich Aufmerksamkeit verschafft, wird nicht nur in Neuseeland praktiziert und auch die zitierte Anlauttabelle gibt es bei uns in Form eines Tinto Buchstabenhauses, das die Kinder in einem Rap singen. Bei der von Verena Friederike Hasel gemachten Behauptung, dass hierzulande Wochen bis zur Genehmigung für die Teilnahme am Unterricht zwecks Recherche vergehen würden, käme es auf einen Versuch an. Immerhin ist es übliche Praxis, dass Erziehungsberechtigte nach vorheriger Absprache hospitieren.

Es ist bestimmt nicht einfach, während eines halbjährlichen Aufenthaltes in einem Land einen objektiven Überblick zu gewinnen. Alles Neue, Andere, Ungewöhnliche gewichtet und beeindruckt. Wenn Zwölftklässler achtundvierzig Stunden allein in einem „Solo Camp“, nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, im Wald verbringen und in der Einsamkeit über vieles nachdenken, sind das schon erstaunliche Maßnahmen, die das Leben der jungen Menschen prägen. Ob aber die Neuseeländer selbst auch nur Positives über ihr Schulsystem zu berichten haben und vielleicht sogar einiges von dem an unseren Schulen Praktizierten vorziehen würden, bleibt offen. Ungeachtet dessen liefert das Buch interessante Denkanstöße und Anregungen für Lehrpersonen von der Grund- bis zur Oberschule und ist als Leitfaden besonders auch den Verantwortlichen unserer Schulbehörden zu empfehlen.

Der tanzende Direktor von Verena Friederike Hasel

Der tanzende Direktor
Kein & Aber Verlag
Hardcover
192 Seiten
ISBN 978-3-0369-5800-2

Preis: 20,00 Euro

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2 Gedanken zu “Der tanzende Direktor von Verena Friederike Hasel

  1. Der tanzende Direktor ist ein tolles Buch. Habe das Buch immer Abends vor dem schlafen gehen gelesen, es ist so toll das ich immer länger als geplant gelesen habe.

    Kann ich nur weiterempfehlen.

  2. Nun ja, die Sichtweise der Autorin ist vielleicht etwas zu euphorisch, wie ich ja auch in meiner Besprechung geschrieben habe. Aber dennoch finde ich viele Ansätze bemerkenswert und ich würde mir wünschen, dass es von den Personen gelesen wird, die an den entsprechenden Stellen sitzen und unser Schulsystem „dirigieren“.

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