Das Buch Weihnachtsbräuche in aller Welt von Rüdiger Vossen gibt zunächst einmal einen Überblick über die weihnachtlichen Wendezeiten, die mit dem Martinitag am 11. November und den Martinsumzügen ihren Anfang nehmen. Es folgen Fakten, Mythen, Legenden und Brauchtum der Feste um Katharina, den Andreastag sowie den bereits in die Adventszeit fallenden Barbaratag, Nikolaus und Luzientag, gefolgt von den Klopfnächten und dem Thomastag am 21. Dezember mit dem Beginn der Zwölfnächte, vielen bekannt als die Rau- oder auch Rauhnächte. Dass einige Deutungen nur auf Vermutungen des Autors basieren, trotz der Bemühungen von Verhaltens- und Sprachforschern wie auch Volkskundlern, liegt auf der Hand, da die Wurzeln oft Jahrhunderte zurückliegen. Zumindest den in Städten aufgewachsenen Lesern dürften einige der erwähnten Feste und Bräuche völlig unbekannt sein.

Die Wurzeln des Epiphaniefestes am 6. Januar, das als Geburtsfest Christi begangen wurde und in Armenien sogar bis in die heutige Zeit gefeiert wird, reichen bis nach Ägypten, und die diesbezüglichen Ausführungen werden besonders Freunde der griechischen Mythologie begeistern. Erst im 4. Jahrhundert ist das Geburtsfest Christi von einem römischen Bischof auf den 25. Dezember festgelegt worden. In diesem Zusammenhang gibt der Text Antworten auf den Ursprung des Weihnachtsbaumes, wozu nicht weniger als vier verschiedene Ansätze angeführt werden. Zur Weihnachtskrippe und der verwendeten Materialien ihrer Figuren gibt es sehr unterschiedliche Deutungen und Darstellungen aufgrund regionaler und zeitlicher Differenzen, die zu lesen äußerst interessant sind.

Zu der weihnachtlichen Geste des Schenkens, die teilweise in einer Konsumorgie ausartet, folgen vom Autor einige kritische Anmerkungen. Natürlich sind auch die immer beliebter werdenden Weihnachtsmärkte ein Thema. Über die skandinavischen Länder ist zu erfahren, dass die Menschen am Heiligabend gerne in die Sauna gehen und abends üppig speisen. In Osteuropa kommen ebenfalls besondere Speisen auf den Tisch, und als Ersatz für den dort weitgehend unbekannten Weihnachtsbaum brennt die ganze Nacht hindurch ein Eichenstamm. Dem Dreikönigstag zu Epiphanie messen die romanischen Länder größere Bedeutung als dem Heiligen Abend zu und feiern ihn mit Straßenumzügen, während das Weihnachtsfest mit einer aus Mandeln hergestellten Spezialität der Familie gehört. In Mexiko, das von den Spaniern erobert und deshalb auch von diesen beeinflusst wurde, werden lustige Kinderspiele aufgeführt. Obwohl die Weihnachtszeit in den Niederlanden und Flandern der Familie gehört, steht die Nikolauszeit an erster Stelle. Über die Angelsachsen ist zu lesen, dass sie einen Plumpudding herstellen, wobei das Buch sogar das Rezept verrät. Die von Europa nach Amerika übergeschwappte Tradition zu Weihnachten hat dort bekanntlich Auswüchse angenommen, die nicht treffender als in dem Klassiker Schöne Bescherung der Familie Griswold dargestellt werden können.

Schließlich geht es in dem Buch um Silvester- und Neujahrsbräuche, dem Dreikönigstag mit dem Umherziehen der als Heilige Drei Könige verkleideten Sternsinger und dem letzten Wendefest im Weihnachtszyklus, Mariä Lichtmess. Durch Fotos werden die dargestellten Krippen oder Weihnachtsfeste der vergangenen Jahrhunderte in dem sehr detailreichen und anspruchsvollen Buch Weihnachtsbräuche in aller Welt veranschaulicht, und die zahlreichen Anmerkungen zeugen von einer umfassenden Recherche des Ethnologen Rüdiger Vossen.

Rüdiger Vossen, Weihnachtsbräuche in aller Welt, Ellert & Richter Verlag 2012, Klappenbroschur, 332 Seiten, ISBN 978-3-8319-0474-7, Preis: 19,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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