
Der Mythos der größten Pop-Rivalität
In Beatles vs. Stones versucht John McMillian, eine Antwort auf die Frage nach dem Mythos zu geben, der sich um die Rivalität der beiden Bands rankt, die mittlerweile Kultstatus erreicht haben. Tatsächlich haben sich die aus unterschiedlichsten Verhältnissen stammenden Bandmitglieder – wie die Zitate belegen – über viele Jahre hinweg sowohl gegenseitig gelobt als auch kritisch über die jeweils andere Gruppe geäußert. Während die Beatles, und insbesondere Ringo Starr, in Armut aufwuchsen, konnten sich die Eltern von Mick Jagger bereits Urlaube unter südlicher Sonne leisten.
Vom Lederlook zu den „Fab Four“ – und die sitzenden Stones
John Lennon und Paul McCartney kannten sich bereits aus Schultagen. Bei ihren ersten Auftritten 1960 in Hamburg, wo sie auch erste sexuelle Erfahrungen sammelten, traten die Beatles entweder in schwarzem Leder oder in nachlässiger Kleidung auf. Erst ihr damaliger Manager Brian Epstein polierte ihr Image auf und verordnete ihnen die zu ihrem Markenzeichen gewordenen Anzüge, die sie jedoch nur widerwillig trugen. So wandelten sich die zuvor als Schläger gefürchteten Beatles zu den „Fab Four“.
Demgegenüber gaben die aus wohlhabenderen Verhältnissen stammenden Rolling Stones ihre ersten Konzerte im Sitzen und coverten Stücke, die ihren Ursprung im afroamerikanischen Rhythm and Blues haben. Das Image, durch provokantes Benehmen aufzufallen, wurde ihnen wiederum von ihrem Managerteam Andrew Loog Oldham und Eric Easton gezielt auferlegt.
Musikalische Entwicklung und gegenseitige Beeinflussung
McMillian vergleicht die musikalische Entwicklung der beiden Bands und ihren Einfluss auf die gesamte Popszene, wobei die Beatles den Rolling Stones stets eine Nasenlänge voraus waren. Während sie bereits 1962 ihre erste eigene Single aufnahmen, spielten die Stones noch Chicago- und Mississippi-Blues.
Der Durchbruch der Beatles löste eine nie dagewesene Massenhysterie – die Beatlemania – aus. Lennon und McCartney komponierten nicht nur für ihre eigene Band, sondern auch für die Stones. Zudem ermutigten sie diese, eigene Songs zu schreiben – ein entscheidender Impuls für deren weitere Entwicklung.
Erfolg, Exzesse und Kehrseiten des Ruhms
Das Buch Beatles vs. Stones vermittelt dem Leser den Aufstieg und Erfolg beider Bands, thematisiert aber auch die Schattenseiten wie Skandale und Drogenkonsum. Der Autor untersucht, wer die Fans dieser zunächst sehr unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen waren. Er beschreibt die zahlreichen Beziehungen der Musiker, die als Vorbilder einer ganzen Generation galten und diese auch durch ihre Songtexte beeinflussten. Ebenso beleuchtet er das von den Beatles gegründete Unternehmen Apple, das nach dem Freitod Brian Epsteins auf wackligen Füßen stand.
Eine historisch fundierte, faire Gegenüberstellung
John McMillian untermauert seine Aussagen mit Zitaten und Interviews weiterer bekannter Persönlichkeiten aus Musik und Medien; insgesamt verzeichnet er 602 Anmerkungen. Als habilitierter Historiker analysiert er Zusammenhänge systematisch und sachlich. Unter Einbeziehung sozialpsychologischer Aspekte ist ihm auf beeindruckende Weise eine unparteiische Gegenüberstellung der beiden Bands gelungen.
Allerdings setzt er voraus, dass dem Leser die Biografien bereits bekannt sind – etwa wenn er plötzlich von Yoko Ono spricht, ohne sie zuvor eingeführt zu haben. Ob sie tatsächlich für die Trennung der Beatles 1970 verantwortlich war oder ob der gemeinsame Manager Allen Klein den entscheidenden Bruch verursachte, wird sich wohl nie abschließend klären lassen. Doch einer Aussage Keith Richards’ aus einem Interview vom August 1971 dürften alle zustimmen: Die Trennung war ein Jammer.
Fazit
Für alle Fans der Beatles, der Rolling Stones – oder vielleicht sogar beider – ist das spannend geschriebene und informative Buch Beatles vs. Stones ein unbedingtes Muss.
Beatles vs. Stones – Die Rock-Rivalen von John McMillian

Übersetzung von Henning Dedekind
Orell Füssli Verlag 2014
Hardcover mit Schutzumschlag
350 Seiten
ISBN 978-3-280-05543-4