Die Herausgeber Rasmus C. Beck und Hans-Peter Noll haben für den Bildband Faszination Ruhrgebiet namhafte Persönlichkeiten als Autoren gewinnen können, die sich mit der drittgrößten Metropole, die zudem einer der am dichtesten besiedelten Ballungsräume Europas ist, auseinandersetzten. Einigkeit herrscht darüber, dass das Ruhrgebiet nicht exakt geographisch definiert werden kann. Die Menschen, die als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet kamen, sind eine Bereicherung für die Kultur, und die eigene Sprache der Ruhrpöttler darf nicht etwa als falsches Deutsch aufgefasst werden, sondern ist Ausdruck einer Sprachkultur, zu der auch die Bereitschaft zu kumpelhafter Hilfe zählt. Wo früher noch Wildpferde im Emscherbruch lebten, ist heute die renaturierte Emscher das Ziel, und wo einst Industrie angesiedelt war, hat man an ihrer Stelle Landschaftsparks errichtet.

Anhand zum Teil doppelseitiger, großformatiger Farbfotos, deren ungewöhnliche Luftaufnahmen von Gerhard Launer eine den meisten Menschen nicht gekannte Perspektive zeigen, werden Bergmannssiedlungen und unzählige, heute zumeist begehbare Halden, die durch den Abraum ehemaliger Zechen entstanden sind, vorgestellt. Natürlich darf in diesem Zusammenhang auch nicht das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum fehlen, das weltweit seinesgleichen sucht. Beliebte Naherholungsgebiete sind die Ruhrstauseen, wie der Kemnader See oder der Baldeneysee, aber auch einige Schlösser, der „gläserne Elefant“ im Hammer Maximilianpark oder das bereits durch Kaiser Wilhelm II eingeweihte Schiffshebewerk in Waltrop.

Der Welt größter Binnenhafen in Duisburg wird dem Leser und Bildbetrachter vergegenwärtigt, die Universitäten Duisburg-Essen sowie die Ruhr-Universität Bochum oder auch die jährlich stattfindenden Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Das CentrO in Oberhausen ist Europas größtes Einkaufs- und Freizeitzentrum und das Alpincenter in Bottrop sogar die größte Indoor-Skianlage der Welt. Selbstverständlich sind auch die Fußballvereine Schalke 04 und Borussia Dortmund ein Thema. Und wer noch nicht wusste, dass der mittelalterliche Hellweg identisch mit dem Westenhellweg in Dortmund ist, weiß es spätestens nach der Lektüre des Buches Faszination Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet musste nicht nur schmerzhafte Schließungen wie zuletzt die des Opel-Werkes in Bochum verkraften, sondern vor allem die von der Regierung geforderten Stilllegungen der Zechen. Wenn zum Ende diesen Jahres die Zeche Auguste Victoria und im Jahr 2018 auch die letzte noch fördernde Zeche Prosper-Haniel in Bottrop geschlossen haben, wird unwiederbringlich viel von der Einzigartigkeit dieser Region und der Faszination Ruhrgebiet verloren gehen. Denn nur dem Zusammenhalt unter Tage hat der Menschenschlag die kumpelhafte Hilfe, das „Kumpel-Syndrom“, wie es Manni Breuckmann so treffend ausgedrückt hat, zu verdanken. Letztlich wird auch die für diese Region typische Begrüßung „Glück auf“ aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden, wenn es im Ruhrgebiet keine Bergleute mehr gibt, die diese Tradition aufleben lassen. Insofern leistet der Bildband von Gerhard Launer einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen!

Gerhard Launer, Rasmus C. Beck und Hans-Peter Noll, Faszination Ruhrgebiet, Ellert & Richter Verlag 2015, Hardcover mit Schutzumschlag 160 Seiten, ISBN 978-3-8319-0597-3, Preis: 19,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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