
Klimawandel, Dürre und eine neue Bedrohung
Die Auswirkungen des Klimawandels mit steigenden Temperaturen sind längst spürbar. Laut aktuellen Nachrichten hat in Deutschland nur noch jeder fünfte Baum eine gesunde Krone – eine Folge der Dürrejahre 2018 bis 2020. Und auch die ursprünglich in Süd- und Südostasien beheimatete Tigermücke breitet sich zunehmend im Mittelmeerraum aus.
Friederike Schmöe greift dieses Thema in ihrem Kriminalroman Schatten über dem Karwendel auf. Der darin beschriebene See und die Ortschaften existieren zwar nicht, doch die geschilderten Entwicklungen wirken erschreckend real. Über fünf Tage hinweg begleitet die Autorin Mira Peters, die einen Campingplatz am Obersteinsee betreibt. Gewissenhaft führt Mira ein Logbuch und dokumentiert Wasserstand und Temperatur des zunehmend austrocknenden Sees. Die braune Brühe stinkt, die Hitze steigt, und die Waldbrandgefahr nimmt so stark zu, dass bereits Evakuierungsübungen angeordnet wurden.
Mücken, Feinstaub und ausbleibende Gäste
Der ausbleibende Regen und die hohe Feinstaubbelastung setzen Mira ebenso zu wie die täglich mehr werdenden Mücken. Unter ihnen entdeckt sie besonders große Exemplare, die eindeutig der Tigermücke zuzuordnen sind. Da der Obersteinsee längst nicht mehr zum Baden taugt, bleiben auch die Gäste aus. Nur Luise, die Kioskpächterin, der langjährige Dauercamper Kurt sowie Otti und Egon, von denen Mira den Campingplatz übernommen hat, sind noch vor Ort.
Neue Gäste, alte Sorgen – und eine Leiche
Umso erfreuter ist Mira über die Ankunft von Swenola und Mark Frohberg, die ihren Wohnwagen abstellen möchten. Zudem kündigt sich per Mail Dr. Jens Bentele an, ein Biologe mit Interesse an der Erforschung der Tigermücke. Auch die Klimaaktivistinnen Ria und Talula wollen ihr Zelt auf dem Platz aufschlagen – einer der wenigen Orte, an denen es noch Wasser zum Duschen gibt.
Als Kurt wiederholt verschwindet, vermutet Luise ihn in einer Almhütte. Mira macht sich auf den Weg dorthin. Noch bevor sie ankommt, meldet ihre App eine angeordnete Evakuierung. Doch dazu kommt sie nicht mehr: Sie entdeckt eine Leiche. Nur mit Glück entkommt sie einem aufkommenden Waldbrand und wird anschließend von Kommissar Bastian Aberhard mit einer weiteren Hiobsbotschaft konfrontiert.
Vergangenheit, Verluste und überraschende Zusammenhänge
In Rückblicken erzählt Schmöe von Miras Übernahme des Campingplatzes. Mira ließ sich von ihrem Mann Gerhard scheiden, nachdem er eine Affäre hatte, und lernte Gensler kennen, einen Polizeihauptkommissar, der den Tod seiner Tochter betrauert. Was zunächst nebensächlich wirkt, fügt sich später sinnvoll in die Handlung ein – Teil einer Reihe von Überraschungen, die der Roman bereithält.
Leben in der Trockenheit – ein realistisches Zukunftsszenario
Schmöe zeigt eindrucksvoll, wie sich das Leben unter zunehmender Trockenheit verändert. Mira muss Wasservorräte beschaffen und entscheidet sich für fünf Plastikkanister à fünf Liter – und zweifelt dennoch, ob das reicht. Beim Einkauf erfährt sie, dass der Supermarkt die Klimaanlage nicht mehr betreiben darf: Wasserkraftwerke liefern wegen fehlender Niederschläge keinen Strom, Solaranlagen fallen aufgrund hoher Feinstaubwerte aus. In den Städten kommt kein Wasser mehr aus den Hähnen – anders als auf dem Campingplatz, wo die Dusche noch funktioniert.
Ein Krimi ohne klassische Ermittlungen – aber mit starker Botschaft
Obwohl mit Gensler und Aberhard zwei Kommissare auftreten, führen sie keine klassischen Ermittlungen durch. Dennoch fesselt Schmöe ihre Leser von Beginn an. Sie vermittelt Wissen über einige der gefährlichen Krankheiten, die Tigermücken übertragen können – Bedrohungen, denen wir uns in naher Zukunft vermutlich stellen müssen.
Egon erinnert an frühere Klimaaktivisten, die sich auf der Straße festgeklebt haben, und fragt sich, ob sie nicht doch recht hatten. Otti resümiert, dass politische Entscheidungen nötig gewesen wären, als noch Zeit dafür war.
Ein Krimi, der nachhallt
Schatten über dem Karwendel ist ein spannender Kriminalroman, der nachdenklich macht. Er wirft die Frage auf, ob wir eines Tages auf lieb gewonnene Gewohnheiten verzichten müssen – und wie viel Zeit uns überhaupt noch bleibt, um gegenzusteuern.
Schatten über dem Karwendel von Friederike Schmöe

Gmeiner Verlag 2026
Taschenbuch
224 Seiten
ISBN 978-3-8392-8066-9