
Ein Hilferuf im Jahr 1989
Die Serbin Milena richtet im Jahr 1989 an Nikolina Javanovic die verzweifelte Bitte, ihr wegen einer Schwangerschaft zur Flucht nach Österreich oder Deutschland zu verhelfen. Erst als Nikolina erfährt, dass der muslimische Türke und Sohn des Imams, Salih, der Vater des ungeborenen Kindes ist, gewährt die von der Mafia als Hexe bezichtigte Frau Unterstützung – nicht zuletzt, um den unausweichlichen Konflikten im Dorf zuvorzukommen.
Ein Anruf aus dem Krankenhaus
Nach über zehn Jahren in Wien freut sich Sanja endlich wieder etwas von ihrer Schwester Ljiljana zu hören. Doch die Nachricht, dass Ljiljana im Krankenhaus liegt und ihre linke Gesichtshälfte nur noch „offenes, pulsierendes Fleisch“ sei, lässt Sanja alarmiert zurück. Mit der Anwesenheit der gemeinsamen Mutter im Krankenzimmer wächst ihre Sorge.
Tatsächlich berichtet die Mutter, dass Ljiljana trotz ihrer schweren Verletzungen sofort fliehen müsse. Von Ljiljana erfährt Sanja, dass sie ihren Freund erstochen hat – nachdem dieser sie wiederholt geschlagen und misshandelt hatte. Da die Polizei nach ihr fahndet, rät die Mutter, sämtliches Geld von der Bank abzuheben und sich nach Serbien in jenes Dorf durchzuschlagen, in dem sie selbst aufgewachsen ist. Dort sollen die Schwestern die Hexe Nikolina Javanovic aufsuchen, die einst ihren Eltern zur Flucht verholfen hatte.
Flucht im Dunkel der Nacht
Den Ernst der Lage erkennend, fliehen die Schwestern aus dem Krankenhaus und machen sich mit dem alten Auto der Mutter auf den Weg. Sie heben Geld ab, verstecken es unter den Autositzen und werfen – wie empfohlen – ihre Handys hinter der Grenze weg.
Bei Nikolina angekommen, fällt es ihnen schwer, der Hexe und ihrer Schwester Dragica Perić zu vertrauen. Während sich die schwer verletzte Ljiljana im Bett erholen soll, fährt Sanja mit Dragica in die Apotheke, um Medikamente zu besorgen. Doch als eine Frau den Laden betritt, rastet Dragica aus und verletzt sie schwer.
Zurück im Haus wird Ljiljana misstrauisch, als ein Auto vorfährt. Wurden sie verraten? Drei gorillaähnliche Männer steigen aus und behaupten, Dragica zu suchen, da sie ihre Tante Zdravka Tomic in der Apotheke zusammengeschlagen habe. Die übertrieben höfliche Art der Männer verheißt nichts Gutes – und Sanja beginnt instinktiv, einen Plan zur Rettung ihrer Schwester zu schmieden.
Ein Roman voller Brüche und Enthüllungen
Da der Roman Blutsschwestern von Ana Wetherall-Grujić nicht chronologisch erzählt wird, folgen auch die Schauplätze keinem festen Muster. Immer wieder wird das Geschehen durch kursiv gesetzte Ich-Passagen von Ljiljana unterbrochen, in denen sie von den Misshandlungen berichtet, die sie schließlich dazu brachten, ihren Peiniger mit einem Messer zu töten.
Im weiteren Verlauf wird auch deutlich, weshalb Dragica Perić in der Apotheke beim Auftauchen von Zdravka Tomic so heftig reagierte.
Krieg, Trauma und die Suche nach Wahrheit
Ana Wetherall-Grujić, selbst vor Kriegsbeginn in Jugoslawien geboren und später über Graz und Wien geflohen, verarbeitet in ihrem Roman ein Thema, das unermessliches Leid über die Zivilbevölkerung brachte. Der Plot setzt unvermittelt mit der Flucht der Blutsschwestern ein: Sanja fordert Ljiljana auf, das Blut abzuwaschen. Der Leser kennt zu diesem Zeitpunkt weder die Hintergründe der Verletzungen noch die Umstände der Flucht – nur, dass Ljiljana sich in Ungarn notdürftig reinigen konnte.
Parallel dazu entfaltet sich die Rückblende um Milena, die das Land verlassen muss, bevor ihre Schwangerschaft bekannt wird. Die Autorin schürt so von Beginn an Spannung: Die Leser wollen sowohl die Wahrheit hinter Ljiljanas Verletzungen erfahren als auch wissen, ob Milena ihre Flucht gelingt.
Blutsschwestern von Ana Wetherall-Grujić

Erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau 2024
Hardcover mit Schutzumschlag
192 Seiten
ISBN 978-3-218-01430-4