
Ein Neubeginn im berühmtesten Hotel Berlins
Für Irabella Keller geht nach Beendigung des Ersten Weltkrieges ein lang gehegter Traum in Erfüllung, nachdem sie eine Zusage vom Hotel Adlon in Berlin auf ihre Bewerbung als Zimmermädchen erhalten hat. Ihre direkte Vorgesetzte Fräulein Meier macht sie mit den Regeln des Hauses vertraut und lässt alle Zimmermädchen täglich zum Appell erscheinen, wobei sie mit Argusaugen über alles wacht. Täglich verrichtet Ira ihre Aufgaben mit Freude, arbeitet sie doch am schönsten Ort der Welt, und mit Nellie, Irene und Lottchen gewinnt sie neue Freundinnen.
Zwischen Diskretion, Aufstiegschancen und neuen Begegnungen
Schnell macht sich Ira bei allen beliebt, und auch Concierge Julius schätzt ihre Unterstützung. Doch als Hedda Burger, die Verlobte von Louis Adlon, der das Hotel nach dem Tod seines Vaters Lorenz Adlon übernahm, ihr das Angebot einer Assistenz des Concierge macht, lehnt Ira ab. Lieber hält sie sich weiterhin unauffällig im Hintergrund, führt ein gewöhnliches Leben und verrichtet gewissenhaft die ihr übertragenen Arbeiten, zu denen auch die Herrichtung der Suite des verträumten Dichters Charles Hunter zählt. Nach der Eheschließung von Louis und Hedda steht sie dem jungen Paar gerne mit Rat und Tat zur Seite, das ihre Vorschläge sehr zu schätzen weiß und ihr das auch wohlwollend honoriert.
Tanz, Liebe und Eifersucht
Beim Tanz trifft Ira auf Hans Maxim von Arnau, den zukünftigen Erben einer Restaurantkette. Da er der Meinung ist, dass sie nur beim Tanzen glücklich ist und auf eine Bühne gehört, wird Ira Vortänzerin im Admiralspalast. Dem Personal des Hotels bleibt das inniger werdende Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten nicht verborgen, Maxim allerdings auch nicht die Blicke, die Charles Hunter auf Ira wirft, was seine Eifersucht beflügelt.
Abschied, Zweifel und eine schwierige Entscheidung
Ira fällt der Abschied von ihrem langjährigen Freund Linus Steinfeld schwer, als dieser sein Glück in Amerika suchen will. Mit dem Verlust ihres Seelenverwandten verliert Ira den einzigen Menschen, dem sie bedingungslos vertrauen kann. Die wiederholten Auseinandersetzungen mit Maxim lassen Zweifel in ihr aufkommen, und hin‑ und hergerissen stellt sie sich die Frage, wo Liebe endet und ob sie eher ihrem Verstand oder ihren Gefühlen trauen soll. Schließlich drängt sie ihr Gewissen – und sie muss eine Entscheidung treffen.
Ein Roman voller Atmosphäre und historischer Details
Anett Diell hat ihren Roman Das Zimmermädchen vom Adlon* in gehobener Sprache verfasst, womit sie den Zeitgeist der „goldenen“ 1920er Jahre passend eingefangen hat. Handlungsort ist das 1945 ausgebrannte und 1997 wieder eröffnete schillernde Hotel Adlon in Berlin, das seinen Zimmermädchen schon damals sechs Tage Erholungsurlaub gewährte und sowohl über warmes Wasser in den Zimmern als auch über ein modernes Rohrpostsystem verfügte.
Recherchen, Zeitkolorit und gesellschaftliche Umbrüche
Für ihre Recherchen zog die Autorin unter anderem die Bücher von Hedda und Felix Adlon sowie sämtliche GEO‑Geschichtshefte über die damalige Zeit zu Rate und berichtet so von Tanzbären, den Vorläufern der heute bekannten Gummibärchen, sowie von Vorläufern heutiger Snickers. Sehr genau beschreibt sie die politische und wirtschaftliche Lage, zu denen der Aufstieg der NSDAP, die wegen der Inflation zunehmende Zahl Erwerbsloser, der aufkeimende Hass gegen die Juden und die Währungsreform mit ihren Auswirkungen gehören – explizit die Einstellung der Straßenbahnfahrten in Berlin und das Drucken von Milliardenscheinen im Jahr 1923.
Ein verborgenes Geheimnis und wachsende Spannungen
Was ihre zum Teil fiktiven Protagonisten anbelangt, streut Anett Diell immer wieder kleine Hinweise darauf, dass Ira fürchtet, erkannt zu werden. Als sich Linus von ihr verabschiedet, fragt er, ob sie nicht auch besser gehen wolle, bevor jemand ihre wahre …? Den Rest gibt die Autorin noch nicht preis, und so kann der Leser nur vermuten, dass Ira über ihre Identität schweigen muss, was ihn neugierig auf den weiteren Handlungsverlauf macht. Während Ira mit Maxim immer häufiger wegen des Judenhasses aneinandergerät, belastet seine Eifersucht das Verhältnis zusätzlich, das ohnehin schon wegen seines autoritären Vaters schwierig ist.
Ein Glossar, reale Persönlichkeiten und ein Finale mit Gänsehaut
Zur Vervollständigung listet der Roman Das Zimmermädchen vom Adlon* im Glossar reale Personen sowie Örtlichkeiten jener Epoche, in der es kaum selbstbestimmte Frauen wie Ira gab. Der Plot endet mit einer überraschenden Szene im Hotel Adlon, die einem Krimi alle Ehre machen würde, und manch ein Leser dürfte sich beim Lesen der letzten Zeilen angesichts des Zusammenhalts der im Hotel Beschäftigten – wie Concierge Julius – die „Feuchtigkeit aus den Augenwinkeln“ tupfen.
Das Zimmermädchen vom Adlon von Anett Diell

Gmeiner Verlag 2026
Taschenbuch
384 Seiten
ISBN 978-3-8392-8018-8