
Eine Leiche im Wohnzimmer und ein Blackout
John Brenner wüsste nur zu gern, was in den Stunden einer Nacht geschah. Als er auf dem Boden seines Wohnzimmers aufwacht, liegt neben ihm die Leiche einer unbekannten, ihm dennoch vertraut wirkenden Frau, die Waffe seines Vaters sowie eine Flasche Wodka – obwohl John trockener Alkoholiker ist. Jegliche Reanimationsversuche scheitern, und das Schlimmste ist, dass er keinerlei Erinnerung hat. John beschließt, als Erstes die Wodkaflasche zu entsorgen. In den Wäldern von New Hampshire schleudert er sie in einen See und entdeckt zu seiner Überraschung einen Van. Mutig pirscht er sich heran und erblickt im Inneren einen Computer, dessen Bildschirm sein Wohnzimmer zeigt. John rennt zurück zu seinem Haus, doch die Leiche ist verschwunden und die Waffe liegt wieder an ihrem alten Platz.
Ein Bruder, ein Labor – und ein Anruf zur falschen Zeit
Kurz darauf erreicht John ein Anruf seines älteren Bruders Mark, der ihm kein Wort seiner Geschichte glaubt. Stattdessen vertraut er ihm an, dass er sein pharmazeutisches Forschungslabor Meditek, das er mit seinem Partner Ian Martins betreibt, verkaufen will. John fragt sich, ob der Anruf von Mark zufällig kam, und quält sich mit dem Gedanken, die Frau umgebracht zu haben. Dem darauffolgenden Besuch des ehemaligen Kommissars Harrison, dem engsten Freund seines Vaters, misst er keine besondere Bedeutung bei, da dieser regelmäßig kommt. Sein Nachfolger, so erklärt Harrison, habe ihn gebeten, zu John zu fahren, da gestern im Wald ein verdächtiger Mann beobachtet worden sei. Und tatsächlich erinnert sich John, kurz ein Gesicht gesehen zu haben.
Familienkonflikte, alte Gefühle und ein rätselhafter Traum
Nachdem John Ärger mit Tricia, der Mutter seiner vierjährigen Tochter Jennie, hatte, die wieder einmal vergeblich auf ihren Vater warten musste, und er sich von seiner Freundin Lila getrennt hat, stellt er seinen Bruder wegen seines Anrufs in jener Nacht zur Rede. Mark, dem John immer vertraut hat, drückt sich jedoch äußerst unklar aus und bittet nur darum, ihm zu vertrauen. Dann steht plötzlich Johns Jugendliebe Maggie vor seiner Tür, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Er erzählt ihr alles – auch von seinem wiederkehrenden Traum mit einer Frau in einem blauen Kleid. Zusammen mit dem gemeinsamen Freund Ross Evans führt ihre Recherche zu einem Blogger mit demselben Traum. Sie wollen Licht ins Dunkel bringen, ohne zu ahnen, dass sie sich dabei selbst in Gefahr begeben.
Ein Psychothriller voller Rätsel und emotionaler Tiefe
Der Psychothriller In den Stunden einer Nacht in der Übersetzung aus dem Spanischen von Matthias Strobel beginnt für den von seiner Familie nur Johnny genannten Protagonisten wie für den Leser mit verstörenden Szenarien. Zunächst bleibt offen, ob John wieder rückfällig geworden und ein Mörder ist oder ob es für die vielen Ungereimtheiten eine Erklärung gibt. Federico Axat liefert mit dem spannenden und zunehmend gefühlvollen Roman einen in jeder Hinsicht stimmigen und letztlich nachvollziehbaren Plot, den John in der Ich-Form erzählt. Es finden sich Informationen zur Funktionsweise des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisses sowie über die Erkrankung ALS, an der Johns Mutter litt. In diesem Zusammenhang erinnert der Autor an den britischen Astrophysiker Stephen Hawking, der nach langer Krankheit im Jahr 2018 an ALS verstarb und dessen Bild im Rollstuhl um die Welt ging. Auch wenn der Psychothriller nicht die grausamen Geschehnisse eines klassischen Thrillers bedient, ist er doch aufgrund seines ausgeklügelten Zusammenspiels und Ineinandergreifens verschiedener Elemente ein Juwel, das seinesgleichen sucht.
In den Stunden einer Nacht von Federico Axat

Übersetzung von Matthias Strobel
btb Verlag 2024
Klappenbroschur
432 Seiten
ISBN 978-3-442-77376-3