
Abschied und erste Eindrücke in Berlin
Als die Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse aus Nürnberg zu ihrer Abschlussfahrt nach Berlin aufbrechen, muss sich die 15-jährige Lea schweren Herzens von ihrem Freund Felix verabschieden. In der Unterkunft angekommen, besuchen sie gemeinsam mit ihren Lehrkräften die bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Lea genießt die Tage in der Hauptstadt und bummelt mit ihrer Freundin Lisa – die heimlich in Jonas verliebt ist – durch die Geschäfte.
Eines Abends erhält Lea eine MMS. Darauf erkennt sie ihren Freund, wie er eine andere küsst. Völlig aufgelöst verlässt sie weinend das Hotel, nachdem sie Lisa eine Nachricht hinterlassen hat, dass sie ein paar Stunden Zeit zum Nachdenken für sich brauche.
Sorge, Eifersucht und eine schreckliche Beobachtung
Da allen bewusst ist, dass Lea als Diabetikerin dringend auf die regelmäßige Einnahme von Insulin angewiesen ist, machen sich die Mitschülerinnen und Mitschüler große Sorgen um sie und beschließen schließlich, die Polizei zu verständigen. Kevin, der auf Felix eifersüchtig ist und heimlich Gefühle für Lea hegt, ist vor Sorge fast außer sich.
Was jedoch niemand ahnt: Lea beobachtet unterdessen, wie eine Frau von einem Mann mit einem Küchenmesser verfolgt wird. Versteckt hinter einer Mülltonne sieht sie mit an, wie der Angreifer der Frau die Kehle durchschneidet und auf sie einsticht. Nachdem sich der Täter entfernt hat, will Lea prüfen, ob sie der Verletzten noch helfen kann. Doch der Mörder kehrt zurück, bringt sie in seine Gewalt – und für Lea beginnt ihre ganz persönliche „Nacht der Verzweiflung“.
Kritik an Sprache und Realismus
Vor dem Hintergrund, dass es sich bei der Autorin um die erst 16-jährige Carolin Wolf handelt, lässt sich festhalten, dass in dieser jungen Schriftstellerin viel Potenzial steckt. Allerdings muss sie noch deutlich an ihrem sprachlichen Ausdruck arbeiten. So können beispielsweise nicht „eine Klasse gehen“ oder „gespannt sein“ – das können nur die Schülerinnen und Schüler. Ebenso ist es sprachlich nicht korrekt, wenn „die Haare aufgemacht“ oder „Musik ausgemacht“ wird. Zwei Jugendliche können sich auch nicht „dieselbe“, sondern höchstens „eine gleiche“ Jacke kaufen. Zudem sollte für den Begriff „Führer“ aufgrund seiner historisch belasteten Konnotation in Deutschland eine andere Bezeichnung gewählt werden.
Der Text weist außerdem zahlreiche Fehler im Gebrauch des Konjunktivs, in der Zeichensetzung sowie Wortwiederholungen am Satzanfang auf. Dennoch gibt es durchaus amüsante Stellen – etwa als Kevin mit „geschenktem“ Kopf antwortet oder der Lehrer seine Zigarette auf den Boden „scheißt“.
Lektorat und Glaubwürdigkeit
Obwohl Barbara Büchel für das Lektorat verantwortlich zeichnet, sind ihr einige unrealistische Punkte entgangen. Ein über den Notruf erreichter Polizeibeamter dürfte sich kaum mit „Auf Wiedersehen“ verabschieden, und die Polizei würde auch nicht bereits nach vier Stunden davon ausgehen, dass eine vermisste Person einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Ebenso ist fraglich, ob ein Mensch, dem die Kehle durchgeschnitten und ein Messer in die Brust gestoßen wurde, noch zu Smalltalk fähig wäre – sofern er überhaupt noch sprechen könnte.
Solche Szenen wirken eher wie aus einem Traum – und tatsächlich hat Carolin Wolf aus einem solchen Traum auch die Idee zu ihrem ersten Buch Die Nacht der Verzweiflung entwickelt. Aus diesem Plot hätte ein packendes Jugendbuch entstehen können. Auch wenn es dem jungen Nachwuchstalent noch nicht auf Anhieb gelungen ist, dürfen die Leserinnen und Leser gespannt sein, was man in Zukunft noch von ihr hören wird.
Die Nacht der Verzweiflung von Carolin Wolf

Novum Pro Verlag 2014
Broschur
148 Seiten
ISBN 978-3-99038-418-3