
Kindheit ohne Halt – der Beginn einer Tragödie
Thomas Alexander Staisch zeichnet in Heinrich Pommerenke, Frauenmörder die Stationen im Leben des wegen vierfachen Mordes, zahlreicher Mordversuche sowie mehrerer Vergewaltigungen verurteilten Heinrich Pommerenke nach. Bereits in seiner Kindheit soll Pommerenke Liebe und Anerkennung vermisst haben; seine Mutter habe ihn angeblich immer wieder als „missglückte Abtreibung“ bezeichnet.
Nach seiner Festnahme und Inhaftierung wurde Pommerenke zeitweise in die Psychiatrie verlegt und dort mit Nervendämpfungsmitteln behandelt. Berichten zufolge soll man ihm heimlich Schlafmittel verabreicht und ihn in Einzel- sowie Dunkelhaft gesperrt haben. Drei Jahre soll er in einem dunklen Kellerverlies verbracht haben. Als verschärfte Strafmaßnahmen kamen Bettentzug und Kostkürzungen hinzu. Dem chronischen Bettnässer wurden von Beginn an Triebhemmer verabreicht; eine Kastration lehnte er ab.
Sein einziger Freund war ein Pfarrer, der wiederholt Klagen beim Bundesverfassungsgericht einreichte – stets mit Verweis auf die im Grundgesetz verankerte unantastbare Würde des Menschen. Insgesamt verbrachte Pommerenke 49 Jahre in Haft, bis zu seinem Tod am 27.12.2008. Erst nach 34 Jahren durfte er erstmals einen Tag außerhalb der Haftanstalt verbringen. Als er mit 72 Jahren starb, sprach man von einem Tod, der schon Jahrzehnte zuvor begonnen hatte – ein „Tod auf Raten, lebendig begraben“. Die umfangreichen Gutachten sollen erst 60 Jahre nach seinem Tod, also im Jahr 2068, öffentlich zugänglich werden.
Ein Buch, das sich jeder klaren Ordnung entzieht
Staisch nutzt in seinem sorgfältig recherchierten Werk bewusst Wiederholungen als stilistisches Mittel. Die Kapitel unterscheiden sich stark in ihrer Länge und folgen keiner chronologischen Struktur. So wie Pommerenkes Leben keinem normalen Verlauf folgte, verzichtet auch der Autor auf eine klare Gliederung – vermutlich, um diese Unruhe und Zerrissenheit zu spiegeln.
Der Leser begegnet Pommerenke als gefährlichem, geisteskranken und zutiefst gestörten Menschen, zugleich aber auch als anständigem Kameraden. Dieses Spannungsfeld führt zu einem emotionalen Wechselbad: Man leidet mal mit den Opfern, mal mit dem Täter – einem Täter, der zugleich Opfer seiner eigenen Biografie gewesen sein könnte.
Eine Dokumentation, die an die Grenzen des Erträglichen geht
Heinrich Pommerenke, Frauenmörder ist in jeder Hinsicht schwere Kost. Die ausführlichen statistischen Daten, die wörtlichen Zitate aus Gutachten, Aussagen des Oberstaatsanwalts, Polizeiprotokollen und aus Pommerenkes eigener Rede machen es unmöglich, das Buch „mal eben zwischendurch“ zu lesen.
Hinzu kommen die detaillierten Rekonstruktionen der Morde und die Schilderungen der Vergewaltigungen – Darstellungen, die nichts für schwache Nerven sind und die Brutalität der Taten schonungslos offenlegen.
Heinrich Pommerenke, Frauenmörder von Thomas Alexander Staisch

Klöpfer & Meyer Verlag 2010
Hardcover mit Schutzumschlag
344 Seiten
ISBN 978-3-940086-88-4