Zwischen Himmel, Angst und Politik: Warum Flugzeugentführungen unsere Fantasie bis heute fesseln

Cover von Flugzeugentführungen von Annette Vowinckel

Eine Kulturgeschichte der Entführungen

Annette Vowinckel beschreibt in ihrem Prolog zu Flugzeugentführungen, dass aus dem Phänomen der Flugzeugentführung im Laufe der Jahrzehnte eine Geschichte der Kulturen geworden ist. Im Zentrum stehen meist politische Forderungen, mit denen Entführer die Weltöffentlichkeit auf Missstände aufmerksam machen wollen. Manche Fälle haben jedoch militärische oder kriminelle Hintergründe.

Die erste dokumentierte Flugzeugentführung fand 1931 statt, doch bis 1958 blieb die Zahl gering. Ab 1959 setzte – vor allem im Kontext der kubanischen Revolution – eine Welle von Entführungen ein. Ihren Höhepunkt erreichten sie in den 1970er‑Jahren. Erst in diesem Jahrzehnt traten auch kriminelle Geiselnahmen mit Lösegeldforderungen auf. Seit den 1980er‑Jahren ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten, bedingt durch die in den 70ern eingeführten Sicherheitskontrollen und Detektoren.

Angst, Risiko und das Profil der Entführer

Anhand von fünf exemplarischen Fällen analysiert Vowinckel die unterschiedlichen Motive und Ängste, die mit Flugzeugentführungen verbunden sind: die Furcht, selbst entführt zu werden, Opfer eines Anschlags zu werden oder schlicht die verbreitete Flugangst. Letztere entbehrt jedoch einer rationalen Grundlage, da das Fliegen seit den 1970er‑Jahren als sicherste Fortbewegungsart gilt.

Die Autorin geht zudem der Frage nach, welches Persönlichkeitsprofil Entführer auszeichnet. Sicherheitsexperten diskutieren, ob Terrorismus an politischer Wirkung verlieren könnte, wenn Medien vollständig auf Berichterstattung verzichten würden.

Medien, Kunst und Popkultur

Weitere Kapitel widmen sich der medialen Verarbeitung von Entführungen. Künstler haben das Thema in Bildern aufgegriffen, Filmemacher in zahlreichen Filmen verarbeitet – nicht zuletzt, weil Flugzeugentführungen im Kino eine besondere dramaturgische Faszination ausüben. Musiker hingegen sympathisierten in manchen Stücken eher mit den Entführern und machten sich über die Ängste der Menschen lustig.

Im Epilog beleuchtet Vowinckel die unwahrscheinliche Kette von Ereignissen, die zum Absturz der Concorde führte – eine Abfolge, in der jeder einzelne Punkt bereits als äußerst unwahrscheinlich galt.

Zwischen Analyse und Abschweifung

Flugzeugentführungen widmet sich im ersten Drittel detailliert dem historischen und kulturellen Phänomen und stützt sich dabei auf zahlreiche Anmerkungen. Besonders vor dem Hintergrund der damaligen Reaktorkatastrophe in Japan wirkt eine Passage bemerkenswert, in der – mit Bezug auf Max Frischs „Homo faber“ – darüber philosophiert wird, dass im Wahrscheinlichen stets das Unwahrscheinliche enthalten ist.

Der Großteil des Buches beschäftigt sich jedoch mit Flugzeugabstürzen und deren medialer Darstellung. Diese Kapitel sind zwar spannend, entfernen sich aber spürbar vom Kernthema. Hilfreich wäre zudem eine Übersetzung der vielen englischen Zitate gewesen.

Flugzeugentführungen von Annette Vowinckel

Cover von Flugzeugentführungen von Annette Vowinckel
Wallstein Verlag 2011
Hardcover mit Schutzumschlag
192 Seiten, 52 Abbildungen
ISBN 978-3-8353-0873-2

Bildquelle: Wallstein Verlag

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