
Die Entscheidung, die eine Familie erschüttert
Joseph und Evelyn teilen ihren Kindern Thomas, Violet und Jane im Juni 2001 eine erschütternde Nachricht mit: Evelyn leidet an einer schweren Form von Parkinson, die bald in eine Demenz übergehen wird. Deshalb haben die Eltern beschlossen, in genau einem Jahr gemeinsam aus dem Leben zu scheiden – Joseph kann sich ein Weiterleben ohne seine geliebte Frau nicht vorstellen. Die Kinder reagieren fassungslos.
Da Evelyn ihr Leben lang davon geträumt hat, einmal mit dem Boston Symphony Orchestra aufzutreten, bittet sie Jane um Hilfe. Deren Freund hat jahrelang beim Boston Globe gearbeitet und könnte seine Kontakte nutzen. Für Mozarts Konzert für zwei Klaviere müsste Jane sie jedoch begleiten.
Rückblenden: Jugend, Krieg und eine Liebe, die wächst
Amy Neff beginnt ihren Roman Warte auf mich am Meer, der von Wibke Kuhn übersetzt wurde, mit einem emotionalen Paukenschlag. In Rückblicken lernen die Leser die Protagonisten kennen:
Die fünfzehnjährige Evelyn soll im Juni 1940 zu ihrer Tante nach Boston – sehr zu ihrem Missfallen. Ihr Bruder Tommy hingegen würde liebend gern mit ihr tauschen, um endlich „mal raus“ zu kommen. Ein Jahr später begegnet Joseph, der mit den Geschwistern aufgewachsen ist, einer inzwischen erwachsen gewordenen Evelyn und verliebt sich sofort in sie.
Als Evelyn nach einem weiteren Jahr wieder dauerhaft nach Hause darf, ist sie unglücklich: Joseph und Tommy haben sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Der Gedanke, dass einer von ihnen nicht zurückkehren könnte, raubt ihr den Verstand.
Joseph kehrt schließlich allein und verletzt zurück. Evelyn macht ihm Vorwürfe, weil er ihren Bruder und seinen besten Freund nicht schützen konnte. Sie trennt sich von ihm – doch am Ende heiraten sie und bekommen drei Kinder.
Familienlasten, Verluste und kleine Wunder
Die gemeinsame Frühstückspension kann finanzielle Probleme nicht verhindern. Die von zu Hause geflohene Jane stellt die Ehe auf eine harte Probe. Thomas und seine Freundin Ann müssen ihre Kinderlosigkeit verkraften. Violet, scheinbar glücklich verheiratet und Mutter von vier Kindern, denkt über eine mögliche Scheidung nach.
Doch es gibt auch Lichtblicke: Am 11. September 2001 entgeht Thomas nur durch einen Arzttermin dem Tod im Nordturm des World Trade Centers.
Stimmen einer Familie: Liebe, Überforderung und Lebenslast
Die Autorin lässt abwechselnd die Eheleute und ihre drei Kinder in der Ich‑Form erzählen. So erfährt der Leser, wie Evelyns Leben sich mit dem ersten Kind radikal veränderte und wie sie Joseph um seinen nächtlichen Schlaf beneidete. Auch nach dem zweiten Kind fühlte sie sich in ihrer Mutterrolle gefangen – ihr größter Wunsch war es, mit dem Boston Symphony Orchestra aufzutreten.
Die Ehe erlebt Höhen und Tiefen, Schicksalsschläge und Streitigkeiten. Besonders eindringlich beschreibt Neff Evelyns zunehmende Krankheit, ihre Fehler, ihre Verzweiflung – und Josephs unerschütterliche Liebe.
Evelyn erkennt irgendwann, dass Joseph nicht mehr nur der Junge aus Kindertagen ist. Angesichts ihrer Veränderungen sagt sie:
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„Ich weine um Joseph, der ein Mädchen liebt, das wir beide verloren haben.“
Später denkt sie:
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„Das Mädchen, von dem wir beide dachten, dass wir es verloren hätten … du hast es wiedergefunden, Joseph. Ich bin wieder zu Hause.“
Ein Leben voller Liebe – und ein Ende, das niemand vergisst
Der Debütroman Warte auf mich am Meer, an dem Amy Neff über zehn Jahre schrieb, zeichnet das Leben eines Paares nach, das über Jahrzehnte gemeinsam durch Höhen und Tiefen geht – etwas, das in Zeiten hoher Scheidungsraten selten geworden ist. Große Wendungen oder spektakuläre Ereignisse gibt es kaum. Doch während die Leser Joseph und Evelyn begleiten und erfahren wollen, ob Evelyn ihren Klavierauftritt bekommt und ob das Paar seinen Plan umsetzt, zieht sie die Geschichte immer tiefer hinein.
Am Ende liest man mit nassen Augen weiter – und trägt diese außergewöhnliche Liebe noch lange im Herzen.
Warte auf mich am Meer von Amy Neff

Übersetzung von Wibke Kuhn
Goldmann Verlag 2024
Hardcover mit Schutzumschlag
480 Seiten
ISBN 978-3-442-31764-6