Ein Winter voller Geheimnisse – Morris und die Suche nach Halt

Cover von Morris von Bart Moeyaert und Sebastian Van Doninck

Ein Einstieg, der direkt ins Geschehen zieht

Bart Moeyaert beginnt sein Kinderbuch Morris damit, dass der Leser direkt mit DU angesprochen wird: DU stehst am Fenster und siehst, wie es zu schneien beginnt. Sobald genug Schnee gefallen ist, kannst DU einen Schneemann bauen – mit einer Karotte, zehn Knöpfen und einem Eimer. Das Ergebnis ist ein Riesenschneemann, dreimal so groß wie DU.

Deine Eltern bringen DIR Fäustlinge gegen die Kälte und versprechen heißen Kakao. Fast so viel Glück wie Morris hast DU allerdings nicht, denn Morris darf eine Weile bei seiner Oma in den Bergen wohnen.

Houdini, die Ausreißerin

Morris’ Oma besitzt eine Hündin, die sie Houdini nennt – nach dem berühmten Entfesselungskünstler, „einem Meister im Losreißen und Entkommen“. Wenn Houdini ausreißt, ist es Morris’ Aufgabe, sie wieder einzufangen.

Die Suche endet erst hinter dem höchsten Felsen. Als die ersten Schneeflocken fallen, friert Morris auf dem Gipfel. Die zappelnde, jaulende Houdini überlistet ihn und reißt sich erneut los – im tiefen Schnee verschwindet sie sofort.

Eine unheimliche Begegnung im Schnee

Plötzlich steht Morris einem Schafbock mit großen Hörnern gegenüber, dessen Augen hervorquellen. Kurz darauf sieht er einen Jungen, der sich auf einen Stock stützt und ein wenig wie ein wildes Tier wirkt. Er hat Hunger, droht Morris, kränkt ihn und nennt ihn sogar einen Wicht.

Als ein Sturm aufzieht, suchen die beiden Schutz. Schließlich stapft der Junge davon. Morris erinnert sich an Houdini, die allein in der Kälte ist. Im tiefen Schnee kommt er kaum voran, sieht aber im Tal immer wieder Fackeln aufflackern – Hilfe naht.

Gefahr im Wald – und eine überraschende Wendung

Noch bevor der Suchtrupp ihn erreicht, begegnet Morris Randy Peck, einem Mann, der seine Oma in letzter Zeit häufig besucht. Auch er nennt Morris einen Wicht. Auf seinem Rücken trägt er einen Kartoffelsack – darin Houdini.

Doch Houdini befreit sich. Randy Peck versetzt Morris einen Rippenstoß, sodass dieser „ächzend vor Schmerzen mit dem Gesicht im Schnee“ landet. Zum Glück eilt der Junge aus dem Wald Morris zu Hilfe. Gemeinsam genießen sie später bei der Oma Pfannkuchen, Waffeln, Birnenkuchen – und natürlich Kakao mit Zimt und Schlagsahne.

Ein anspruchsvolles Kinderbuch – vielleicht zu anspruchsvoll?

Der Verlag empfiehlt das aus dem Niederländischen von Bettina Bach übersetzte Kinderbuch bereits für Kinder ab sechs Jahren. Doch die Geschichte ist für diese Altersgruppe recht lang, und die zeitlichen Sprünge sowie Perspektivwechsel könnten sie überfordern.

Der Leser wird zunächst direkt angesprochen, dann folgt unmittelbar die Szene, in der Morris mit der knurrenden Hündin durch den Wald stapft. Danach erfährt man von der Oma und Randy Peck, der oft zum Mittagessen bleibt. Anschließend geht es weiter mit Morris’ Kenntnissen des Waldes – und plötzlich beginnt die Suche nach Houdini.

Dass Randy Peck der Vater des Jungen ist, der Morris im Wald bedroht hat, müssen Kinder aus wenigen, eher kryptischen Zeilen erschließen. Auch der gezielte Rippenstoß mit der Spitze eines „Treters“ wirkt für ein Kinderbuch recht brutal. Eine Illustration verstärkt die Dramatik, indem sie den Mann im Verhältnis zum Kind fast riesenhaft zeigt.

Zwischen Angst, Einsamkeit und leisen Gefühlen

Der echte Harry Houdini begeisterte Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich sein Publikum – berühmt wurde er durch das Verschwindenlassen eines Elefanten.

Was junge Leser aus dieser anspruchsvollen Geschichte mitnehmen, ist vor allem Morris’ Gefühl des Alleinseins: „Plötzlich war es, als wäre die Hündin noch mehr verschwunden als vorher.“

Kinder kennen das Schweigen, das Morris wählt, weil „wenn man schweigt, ist man so gut wie weg“. Und sie verstehen die leise Traurigkeit in Sätzen wie: „Wenn jemand versucht, so leise wie möglich zu weinen, darf man nicht fragen, ob er weint. Und auch nicht, warum.“

Gerade diese stillen Momente machen es jungen Lesern leicht, sich mit Morris zu identifizieren.

Morris von Bart Moeyaert und Sebastian Van Doninck

Cover von Morris von Bart Moeyaert und Sebastian Van Doninck
Übersetzung von Bettina Bach
Carl Hanser Verlag 2024
Hardcover
64 Seiten
ISBN 978-3-446-28117-2

Bildquelle: Carl Hanser Verlag

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