
Ein mysteriöser Auftrag
Der an der Universität in Lissabon lehrende Historiker Tomás Noronha wird von Nelson Moliarti nach New York gerufen. Dort erklärt ihm der Vorsitzende einer Stiftung, dass der erst vor wenigen Tagen verstorbene Professor Martinho Toscano bereits an einer Forschungsarbeit über die Entdeckung Brasiliens gearbeitet hat. Allerdings sind seine Notizen verschlüsselt. Als Codespezialist soll Tomás Noronha das Geheimnis lüften und zu diesem Zweck nach Rio de Janeiro fliegen, wo er in der Brasilianischen Nationalbibliothek mit seiner Arbeit beginnen soll. Vor Ort erhält er Unterlagen mit Notizen, die er jedoch nicht entschlüsseln kann.
Verlockung und Gefahr
Zwischenzeitlich kehrt Tomás nach Lissabon zurück, wo er eine Einladung der reizvollen Lena Lindholm zum Essen annimmt. Die Studentin hatte seine Vorlesung über Hieroglyphen besucht und möchte nun die unverständlichen Notizen sehen. Doch der verheiratete Tomás erliegt ihrem Charme und sieht fortan seine Ehe bedroht. Währenddessen drängt sein Auftraggeber Nelson Moliarti auf Ergebnisse und fordert ihn auf, die Witwe von Martinho Toscano aufzusuchen, die im Besitz weiterer Unterlagen ist. Sie erwähnt, dass die Lösung in ihrem Safe liege, dessen Code sie jedoch nicht kennt. Erst nach vielen Versuchen und weiteren Recherchen, die Tomás bis nach Jerusalem führen, gelingt es ihm, den Safe zu öffnen. Darin findet er einen Verweis auf den geheimnisvollen Codex 632.
Enthüllungen über Kolumbus
J.R. Dos Santos hat als Rahmenhandlung für seine Enthüllungen über die wahre Identität von Christoph Kolumbus seinen Protagonisten Tomás Noronha Nachforschungen anstellen lassen. Mit dieser fiktiven Geschichte zeigt der Autor, wie glaubhaft Verschwörungen, Vertuschungen und Fälschungen wirken können – insbesondere, wenn es gelingt, einen Historiker wie Tomás zu erpressen, der eine Tochter mit Down-Syndrom hat, deren Behandlung enorme Kosten verursacht.
Historische Quellen und Ungereimtheiten
Für seinen Roman Codex 632* hat J.R. Dos Santos tatsächlich existierende Bücher, Manuskripte und Dokumente wie Briefe oder päpstliche Bullen herangezogen. Der namensgebende Codex, von dem Teile im Buch abgedruckt sind, wird in der Portugiesischen Nationalbibliothek aufbewahrt. Der Autor macht deutlich, dass die portugiesische Krone seinerzeit ein großes Interesse daran hatte, einen Seeweg nach Indien zu finden, da die Venezianer das Monopol auf den Gewürzhandel besaßen. Eine der vielen Ungereimtheiten zeigt sich im Erbfolgevertrag, den Prinz Johann im Jahr 1498 unterschrieben haben soll – obwohl er bereits ein Jahr zuvor verstorben war.
Zweifel an der Herkunft Kolumbus’
Dos Santos hält es für wenig glaubwürdig, dass Christoph Kolumbus der aus Genua stammende Seidenweber Cristoforo Colombo gewesen sein soll. Dessen Vater war verarmt gestorben, und die Gläubiger hätten sich wohl an den reichen Sohn gehalten. Zudem war der Seidenweber arm, hätte kaum eine Adelige heiraten dürfen und war ungebildet. Wie hätte er also Briefe verfassen können? Diese sind zudem in einer Sprache geschrieben, die eindeutig einem Portugiesen zugeordnet werden kann. Der Autor fragt, ob es Zufall sei, dass Kolumbus seine erste Reise genau an dem Tag antrat, an dem alle Juden Spanien verlassen mussten. Für Dos Santos steht fest: Kolumbus kann nicht aus Genua stammen, sondern muss ein jüdischer Portugiese gewesen sein – was der Codex 632 beweise.
Ein Roman voller Wissen
Für seine Belege hat J.R. Dos Santos umfangreiche Recherchen betrieben, die weit über Kolumbus hinausgehen. Er informiert über die Tempelritter, Kreuzzüge und den Heiligen Gral, gibt Hintergrundwissen zur Sprache der Blumen und zu Chiffrierverfahren. Zudem präzisiert er die politische Lage sowie die Vertreibung der Sepharden von der iberischen Halbinsel im 15. und 16. Jahrhundert und erläutert, was Philosophen unter subjektiver Wahrheit verstehen. Auch die Lehre der Gematrie – die Ermittlung numerischer Werte von Worten, wie sie Kabbalisten nutzen – wird erklärt. Schließlich führt er den Leser zu den Heiligtümern Jerusalems und durch seine Heimatstadt Lissabon.
Ein großartiger Roman, der für wissbegierige Leser wie geschaffen ist!
Codex 632 von J.R. Dos Santos

Übersetzung von Viktoria Reich
Luzar Publishing 2019
Klappenbroschur
384 Seiten
ISBN 978-3-946621-06-5