
Ein Leben, das mit Angst beginnt
Der Roman Meine Berliner Kindheit von Barbara Schilling beginnt mit der Geburt der kleinen Helene im Mai 1939 in Berlin. Ihre Mutter ist erst 16 Jahre alt, den Vater lernt das Mädchen nie kennen. Kurz darauf bricht der Krieg aus. Helene verbringt unzählige Stunden voller Angst in Luftschutzbunkern, während draußen die Bomben fallen.
Ihr Alltag besteht aus Hunger, Begegnungen mit Flüchtlingen und Ausgebombten. Frieden bedeutet für sie vor allem eines: endlich ruhigere Nächte. Die Schreckensmeldungen über gefallene oder gefangene Soldaten prägen ihr Weltbild – Überleben ist das Einzige, was zählt, notfalls auf Kosten anderer.
Beim Spielen in den Ruinen kommt sie eines Tages mit verseuchtem Wasser in Berührung und erkrankt schwer. Zu Weihnachten 1944 wünscht sie sich nichts sehnlicher als ein ganzes Brot – ein Wunsch, der viel über die Härte dieser Zeit verrät.
Frauen zwischen Angst, Gewalt und Überlebensstrategien
Als die Rote Armee näher rückt, beobachtet Helene, wie Frauen sich aus Angst vor Übergriffen mit Dreck beschmieren, ihre Haare abrasieren oder sich sogar das Leben nehmen.
Ihre Mutter erhält täglich Besuch des Offiziers Andrej, angeblich, um sich „in Ruhe unterhalten“ zu können. Als die Mutter sich an den Bauch fasst und von einem „Souvenir des Russen“ spricht, wird klar, was unausgesprochen bleibt. Die Freundin Inge weiß von einem Stift, in dem man es anonym „wegmachen“ lassen kann.
Armut, Verantwortung und ein tyrannischer Stiefvater
Schließlich findet die Mutter Arbeit und heiratet den Algerier Jean. Doch Helene leidet unter Albträumen, für die der Stiefvater keinerlei Verständnis zeigt.
Mit der Geburt ihrer Schwester Julia verbringt Helene viele Stunden in der öffentlichen Badeanstalt, weil die Wohnung zu kalt ist. Die Familie lebt in bitterer Armut, Brot wird beim Bäcker angeschrieben, und oft ist es Inge, die rettend einspringt.
Nach drei weiteren Mädchen wird endlich der ersehnte Sohn geboren – und der Stiefvater lässt für kurze Zeit die Finger von Alkohol und Huren. Doch Helenes Alltag bleibt hart: In der Schule muss sie die Schläge eines sadistischen Lehrers ertragen, zu Hause übernimmt sie immer mehr Verantwortung, weil die Mutter häufig krank ist.
Mit 14 beginnt sie eine Lehre und ernährt mit ihrem Wochenlohn von 15 Mark die gesamte Familie. Der Stiefvater wird zunehmend zum Tyrannen, und die Lage spitzt sich dramatisch zu.
Ein Roman, der Erinnerungen weckt – und Fragen stellt
Barbara Schilling gelingt es bemerkenswert, eine Kindheit im Krieg so lebendig zu schildern, obwohl sie selbst erst Jahrzehnte später geboren wurde. Man könnte glauben, sie erzähle aus eigener Erfahrung.
Der Roman ruft längst vergessene Begriffe wie Muckefuck oder Gummitwist ins Gedächtnis zurück und erinnert zugleich an die über eine Million Frauen und Mädchen, die 1945 von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wurden – ein Thema, das erst spät öffentlich diskutiert wurde.
Einziger Punkt, der irritiert: Die Behauptung, Helene habe die Volksschule vor Ende der Pflichtschulzeit verlassen und bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Satz des Pythagoras gelernt. Das wirkt historisch fragwürdig.
Fazit: Ein eindringliches Zeitzeugnis
Trotz kleiner Ungenauigkeiten vermittelt Meine Berliner Kindheit eindrucksvoll die Nöte, Ängste und Hoffnungen einer Generation, die im Krieg aufwuchs. Schilling zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild einer Kindheit, die keine sein durfte – und lässt die Leserinnen und Leser tief berührt zurück.
Meine Berliner Kindheit von Barbara Schilling

Rosenheimer Verlagshaus 2011
Gebundene Ausgabe
300 Seiten
ISBN 978-3-475-54078-3