Eine Radtour zurück ins Leben – und in die eigene Vergangenheit

Cover von Als Simon Brown sich ein Herz fasste von James Bailey

Ein unerwarteter Verlust und eine Reise in die Erinnerung

Nach dem Tod seiner Ehefrau vor zehn Jahren führt Simon Brown die Bed‑and‑Breakfast‑Pension Castle Cottage im südwestenglischen Dorset allein mit seiner Tochter Anna. Als er inmitten des Alltags endlich seine E‑Mails öffnet, trifft ihn die Nachricht wie ein Schlag: Raj, mit dem er fünf Jahre lang im Internat ein Zimmer teilte, ist plötzlich verstorben.

Von Erinnerungen übermannt, stöbert Simon auf dem Dachboden in einer Kiste mit alten Schulsachen. Dabei findet er ein Foto, das ihn mit Raj und Ian auf einer Radtour nach Bordeaux zeigt. Damals wollte er dort seine Brieffreundin Sylvie treffen – und belog dafür seine Eltern, um statt eines Schulausflugs mit seinen Freunden nach Frankreich zu radeln. Doch Sylvie war nicht anzutreffen, der Schwindel flog auf, und Simon wurde von der Schule verwiesen. Seit vierundvierzig Jahren hat er nichts mehr von seinen Freunden gehört.

Ein Wiedersehen – und ein kühner Vorschlag

Auf Rajs Beerdigung lernt Simon dessen Familie kennen und erfährt mehr über das Leben seines alten Freundes. Überraschend trifft er auch Ian wieder, der inzwischen als David‑Bowie‑Tribut‑Sänger auftritt. Ian schlägt vor, die damalige Radtour zu wiederholen – diesmal komfortabler, mit Hotelübernachtungen statt Zelt.

Simon beginnt im Fitnessstudio zu trainieren. Anna, mitten in den Vorbereitungen für ihre Hochzeit mit Ollie, versichert ihm, die Pension während seiner Abwesenheit allein führen zu können. Heimlich hat sie sogar nach Sylvie gesucht – mit Erfolg. So kann Simon den alten Briefkontakt wieder aufnehmen.

Mit Rajs Asche nach Frankreich – und mit alten Hoffnungen im Gepäck

Mit Rajs Asche im Gepäck, die sie in Arcachon dem Meer übergeben wollen, machen sich Simon und Ian auf ihren neuen Fahrrädern auf den Weg. Simon denkt insgeheim auch an ein mögliches Treffen mit Sylvie, verschweigt dies jedoch.

Zunächst sind beide voller Zuversicht. Doch sintflutartige Regenfälle setzen ihnen zu – und Simon ahnt nicht, dass es nach einer Panne und der Weiterfahrt auf einem rosa Ersatzrad noch schlimmer kommen wird.

Zwischen Rückblicken, Freundschaft und neuen Erkenntnissen

James Bailey erzählt in Als Simon Brown sich ein Herz fasste abwechselnd in Ich‑Form (Gegenwart) und in Rückblenden, die im Dezember 1974 beginnen. Die Übergänge sind geschickt gesetzt: Themen wie Alkohol, Musik oder jugendliche Abenteuer verbinden Vergangenheit und Gegenwart.

Die Reise führt von Poole über den Ärmelkanal nach Saint‑Malo und weiter durch die Bretagne. Unterwegs kommen sich die einstigen Schulfreunde wieder näher, erzählen von Höhen und Tiefen ihres Lebens und überraschen sich gegenseitig mit Geständnissen. Ein Besuch bei Rajs Familie in deren französischem Ferienhaus wird ebenso emotional wie die Erkenntnis, dass ein Navi ohne Strom wenig nützt.

Natürlich hält Simon den Mailkontakt zu Sylvie aufrecht – und je näher ein mögliches Treffen rückt, desto nervöser wird er, als wäre er wieder sechzehn.

Musik, Nostalgie und ein Roman voller Charme

Für den Roman, übersetzt von Lene Kubis, lässt Bailey zahlreiche Bands der 1970er‑Jahre aufleben. Er erinnert an die Mühen des Kassettenaufnehmens, wenn Moderatoren „dazwischenquatschten“. Auch der Eurovision Song Contest 1975 in Stockholm wird korrekt eingebunden: Graham Norton moderierte, und The Shadows erreichten mit „Let Me Be the One“ den zweiten Platz.

Der Plot bietet viele Überraschungen – mal zum Schmunzeln, mal mit einer Prise Schadenfreude. Eine berührende Schlussszene rundet den Roman ab und macht ihn zu einem warmherzigen, unterhaltsamen Leseerlebnis.

Als Simon Brown sich ein Herz fasste von James Bailey

Cover von Als Simon Brown sich ein Herz fasste von James Bailey
Übersetzung von Lene Kubis
Droemer Verlag 2024
Taschenbuch
416 Seiten
ISBN 978-3-426-30916-2

Bildquelle: Droemer Verlag

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