
Der jähe Aufbruch: Januar 1945 in Brieg
Während ihr Ehemann Karl Puchalla an der Front ist, hämmert eines Abends im Januar 1945 plötzlich der Blockwart im schlesischen Brieg an Friedas Haustür: Auf Befehl des Gauleiters haben sich am nächsten Morgen um fünf Uhr alle mit maximal zwei Gepäckstücken zur Evakuierung bereitzuhalten. In größter Eile vergräbt Frieda Wertsachen im Garten und lockt ihre kleine Tochter Erika mit dem Versprechen, nach Wünschelburg zu Onkel Walter und Tante Charlotte zu fahren.
Die erste Enttäuschung folgt sofort: Der letzte Bus zum Fliegerhorst ist ohne sie abgefahren. Gemeinsam mit Hunderten Vertriebenen marschieren Frieda, Erika und Sohn Horst bei minus 30 Grad über die Dörfer, immer auf der Flucht vor den Kanoneneinschlägen der Roten Armee. Ihnen bleiben die Anblicke erschöpft Zusammengebrochener, die nicht mehr aufstehen, von Toten, die bis auf die Unterwäsche entkleidet wurden, und die fürchterlichen Schreie Verletzter oder Niedergetrampelter nicht erspart.
weiterlesenFlucht, Verlust und ein Erbe aus Schmerz: Eine Familiengeschichte, die nachhallt








Bettina Scheiflinger stellt in ihrem Debütroman Erbgut drei scheinbar voneinander unabhängige Familien vor, deren Verflechtungen sich dem Leser erst im weiteren Handlungsverlauf, und selbst dann nur bruchstückhaft offenbaren. So wird die Ich-Erzählerin in verschiedenen Stadien ihres Lebens vorgestellt. Diese berichtet von ihrer älteren Schwester Anna, ihren beiden Wohnungen in Wien und der Schweiz, einer Liebe und der Sorge, dass sie die Gene ihrer an Krebs erkrankten Mutter geerbt haben könnte.