Ein Beziehungsgeflecht voller Brüche und unerwarteter Wendungen

Ein riskanter Nachbarschaftsabend
Der geschiedene Enzo Brüning‑Cattaneo ist Psychiater und lebt mit Lene, einer Psychologin, die aktuell an ihrem zweiten Roman arbeitet, in einer Mietwohnung. Beide haben sich darauf geeinigt, kein Eigentum zu erwerben, da ihrer Meinung nach „Besitz belastet“.
Eines Sonntagabends werden sie von ihren neuen Nachbarn gebeten, wegen eines vergessenen Wohnungsschlüssels über ihr Fenster Zugang zur darüber liegenden Wohnung zu verschaffen. Als Reto, der Nachbar, bereits gefährlich nah am Abgrund steht, muss die Aktion abgebrochen werden. Vom Onkel der Nachbarin Nicole wollen sie Kletterequipment besorgen, während Lene inzwischen den Tatort im Abendprogramm ansieht. Zu ihrer Verwunderung gehen die Nachbarn nach ihrer Rückkehr ohne Übergang zum Du über.
Urlaubspläne, alte Bekannte und vergessene Briefe
Enzo wollte eigentlich mit seiner Tochter Flavie über Weihnachten nach Kuba fliegen, bricht jedoch nach deren Absage schließlich mit seiner Ex‑Frau Fabienne auf. Alleingelassen kommt Lene eine Mail von Hessler, einem alten Bekannten, den sie fast vierzig Jahre nicht gesehen hat, gerade recht. Mit dem früher von allen „Rölfchen“ genannten Mann genießt sie ein mehrgängiges Menü in einem koreanischen Restaurant.
Die Weihnachtstage verbringt sie bei ihrer Schwester Klara, die glücklicherweise die Briefe des Vaters an die Mutter aufbewahrt hat – Briefe, die Lene beim Ausräumen des Elternhauses vergessen hatte. Daraus erhofft sie sich eine Erklärung dafür, warum ihre Mutter eine Abneigung gegen ihren Namen Marlene hatte.
Rückkehr aus Kuba und neue Sorgen
Nach seiner Rückkehr aus Kuba trifft sich Enzo mit Aglaia im Botanischen Garten, wo er sie bereits ein Jahr zuvor kennengelernt hatte und mit der er schon ein Verhältnis führte.
Kurz darauf erhält Lene einen Anruf ihres Neffen Marco: Sein Vater Tobi wurde vom Firmenparkplatz in Mexiko verhaftet und sitzt dort als einziger Deutscher im Gefängnis.
Ein Roman voller Brüche und schwer greifbarer Struktur
Der Leser findet nur schwer einen Einstieg in den Roman Danke, wir können nicht klagen*, da der Plot überwiegend aus Fragmenten besteht und ein roter Faden kaum erkennbar ist. Zu Beginn könnte man annehmen, dass die Nachbarn im weiteren Verlauf eine Rolle spielen – was jedoch nicht der Fall ist. Befremdlich wirkt zudem, dass Ruth Wittig die Ereignisse des Tatorts, auf den sich Lene gefreut hat, sehr ausführlich inklusive wörtlicher Rede wiedergibt.
Perspektivwechsel, Episoden und lose Enden
Die Autorin schildert das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, berichtet von langen Gesprächen in italienischen und koreanischen Restaurants, blickt in Lenes Kindheit zurück und gibt den Wortwechsel der Schwestern über Weihnachten wieder. Klara möchte von Lene wissen, ob sie gegenüber Hessler erotische Absichten hat. Lene wiederum ist sich nicht sicher, ob sie eifersüchtig auf Enzos Kubaurlaub mit seiner Ex ist.
Der Leser mag sich fragen, warum Ruth Wittig ihre Figuren bewusst Unwahrheiten äußern lässt. So behauptet Nachbarin Nicole, sie sei Rettungssanitäterin, obwohl später erwähnt wird, dass sie als Sportlehrerin arbeitet. Auch Lene sagt in einem Gespräch mit ihrer Schwester Dinge, von denen der Leser weiß, dass sie nicht stimmen.
Themenvielfalt ohne erkennbare Verbindung
Als sich Enzo und Lene eine Wohnung ansehen, thematisiert die Autorin Fragen wie ökologische Heizkonzepte, luftdichte Gebäudehüllen oder Trockentoiletten. Im Kapitel über Tobis Inhaftierung beschreibt sie ausführlich den Gefängnisalltag in Mexiko und die dortigen Besuchsregelungen.
In einem Gespräch zwischen Lene und Hessler geht es um eine einvernehmlich nicht monogame Beziehung, an anderer Stelle um das in lateinamerikanischen Staaten angewandte Amparo‑Verfahren, die Arbeitsbedingungen von Ärzten in Myanmar oder die Situation im rumänischen Gesundheitswesen. Diese Informationen sind für sich genommen interessant, lassen sich jedoch kaum in ein Gesamtgefüge einordnen.
Unvollständige Episoden und ein verstörendes Gesamtbild
Ruth Wittig reißt viele Episoden nur an und lässt Zusammenhänge unausgesprochen. Zwar dürfte kaum jemand wissen, was „Colomba“ ist, doch immerhin wird klar, dass es sich um etwas Essbares handelt, das weich ist und nach Vanille und Mandeln duftet. Die gelegentlich eingestreuten französischen Sätze bleiben für Leser ohne Sprachkenntnisse unübersetzt.
Schauplatz des eher verstörenden Romans Danke, wir können nicht klagen* ist das zweisprachige Fribourg, in dem die Autorin selbst seit Jahren lebt.
Danke, wir können nicht klagen von Ruth Wittig

edition bücherlese 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
206 Seiten
ISBN 978-3-03981-027-7