Die Rückkehr der Totgeglaubten – Wienke Haiens Spurensuche

Cover von Hauke Haiens Tod von Andrea Paluch und Robert Habeck

Ein unerwarteter Besuch

Nichtsahnend liegt Iven Johns eines Morgens im Bett, als ihn seine Freundin Iris weckt: Jemand wolle ihn sprechen. Eine ihm völlig fremde junge Frau begrüßt ihn mit den Worten: „Guten Morgen, Vater.“ Sie stellt sich als Elisabeth Schmidt vor und möchte wissen, warum er sie einst in ein Heim gegeben habe. Iven merkt schnell, dass mit ihr etwas nicht stimmt – der Behindertenausweis in ihrem Mantel bestätigt seinen Verdacht.

Die Nacht der Sturmflut

Allmählich dämmert Iven, wer die junge Frau wirklich ist. In jener Sturmflutnacht im Oktober war er Knecht auf dem auf einer Warft gelegenen Haienschen Hof. Elke Haien hatte ihm ihr Kind anvertraut, bevor sie ihrem Mann Hauke zu Hilfe eilte. Ein dänisches Fernsehteam rettete Iven und das Mädchen, während die Eltern in den Fluten umkamen. Zunächst kümmerte sich Hebamme Trina Jans um das schwachsinnig geborene Kind, bis Iven es später in Hamburg in ein Heim brachte.

Wienkes Flucht und Ivans Schuld

All dies erzählt Iven der jungen Frau, die auf den Namen Wienke Haien getauft wurde. Doch als er sie in dem Heim besuchen will, in das er sie zurückgebracht hat, ist sie bereits geflohen. Dort war sie als begabte Kalligrafin bekannt, litt jedoch unter psychischen Störungen. Während Wienke sich auf die Suche nach ihren Wurzeln macht, plagt Iven das schlechte Gewissen, sich nie ausreichend um sie gekümmert zu haben.

Begegnungen im Dorf

Ole Peters, ein alter Feind von Hauke Haien und heutiger Bewohner des Hauses, ist irritiert, dass sein Hund Rex nicht knurrt, sondern sich von der Fremden streicheln lässt. Wienke kennt den Hund – sie hat ihn einst als Welpen geschenkt bekommen.
Auch der Heimatforscher Johann Pappe reagiert verstört. Für ihn ist es ein schlechter Scherz, dass diese Frau die totgeglaubte Wienke Haien sein soll, zumal sein Buch über die Flutkatastrophe mit ihrem Tod endet.

Während Ole Peters dank Wienkes Hinweis einen Tresor hinter einem Bild entdeckt und sofort zur Flex greift, nähert sich Iven endlich der Frau seiner Träume: Ann Grethe, dem früheren Hausmädchen, das er schon damals heimlich beobachtet hatte. Nun verbringt er seine erste Nacht mit ihr.

Zwischen Nordseevokabular und bitterem Humor

Wie die Medizin ihre Fachsprache hat, so prägen Begriffe wie Koog, Marsch, Warft oder Geest den Roman Hauke Haiens Tod. Außenstehende verbinden sie zwar mit der Nordsee, kennen aber selten ihre genaue Bedeutung.
Realistisch schildern die Autoren die Qualen der Tiere, die bei einer Sturmflut in den Ställen verenden. Gleichzeitig fehlt es nicht an humorvollen Momenten: Die erwachsene Wienke kennt keine Uhr, hält hundert Euro für eine Currywurst für angemessen und sagt dem Postboten Sten völlig naiv, dass sie mit ihm schlafen möchte – was für ihn ein böses Erwachen bedeutet.

Aufklärung durch Briefe und Kalligrafie

Dass Postbote Sten es mit dem Briefgeheimnis nicht allzu genau nimmt, hilft der Aufklärung des Falls. Wienkes kalligrafische Fähigkeiten wiederum ermöglichen ihr eine intuitive Rekonstruktion des Prielverlaufs, der anders verlief als einst berechnet und beim Deichneubau eine Schwachstelle bildete – die letztlich zur Katastrophe führte.

Ein anspruchsvoller Roman mit Sogwirkung

Der Hinweis, dass Walkadaver früher als Schweinefutter dienten, heute jedoch wegen Flammschutzmitteln verbrannt werden müssen, stammt vermutlich von Robert Habeck. Der gemeinsam mit Andrea Paluch verfasste Roman Hauke Haiens Tod verlangt Konzentration und Kombinationsgabe. Der Einstieg fällt nicht leicht: Die erste Szene zeigt die Tötung eines Maulwurfs ohne erkennbare handelnde Person, gefolgt von den Vorstellungen von Iris, Iven und Ann Grethe. Doch wer einmal im Plot angekommen ist, wird von der Spannung getragen – ein Roman, der sich mühelos mit jedem Krimi messen kann.

Hauke Haiens Tod von Andrea Paluch und Robert Habeck

Cover von Hauke Haiens Tod von Andrea Paluch und Robert Habeck
Kiepenheuer & Witsch 2023
Taschenbuch
256 Seiten
ISBN 978-3-462-00432-8

Bildquelle: Thalia

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