Ein Vermächtnis in Briefen: Die erschütternde Geschichte hinter «Spreche morgen Rolf»

Cover von Spreche morgen Rolf von Christian Brückner

Ein Nachlass, der zur Mahnung wird

Das Buch «Spreche morgen Rolf» versammelt im Wesentlichen jene Briefe, deren Veröffentlichung Reinhard Frank testamentarisch seinem Nachlassverwalter Christian Brückner anvertraute. Brückner, Notar und Dozent der Universität Basel, später außerordentlicher Professor für Privatrecht, erhielt von Frank die Aufgabe, die an dessen Mutter Hilde Frank (geb. Feldberg) gerichteten Schreiben zu sichten und zugänglich zu machen. Ebenso sollte er die Berichte von Franks Schwester Anita veröffentlichen, die im jüdischen Krankenhaus Berlin entstanden und als nahezu einzigartig gelten.

Hilde Franks Schicksal zwischen Hoffnung und Verlust

Brückner setzt seine Darstellung im Jahr 1932 an – dem Jahr, in dem Hilde Frank zur Witwe wurde und in die großzügige Villa eines Universitätsdozenten zog, wie eines der zahlreichen Fotos im Buch zeigt. Der ersten Fluchtwelle jüdischer Bürger schloss sie sich nicht an; ihre Bemühungen um eine Emigration nach Palästina kamen zu spät.

Ihr Modegeschäft in Hamburg sowie Grundbesitz mussten 1939 zwangsverkauft werden. Die Kinder Anita und Reinhard wollte sie mit einem Transport nach England in Sicherheit bringen, doch sie erreichte den Abfahrtstermin um zwei Tage zu spät. Beide kamen daraufhin bei Pflegefamilien unter. Hilde selbst heiratete einen Schweizer und konnte so in die Schweiz einreisen – doch auch diese zweite Ehe brachte ihr kein Glück.

Anitas Liebe, ihre Arbeit und der Verlust von Rolf

Anita begann eine Ausbildung zur Krankenschwester und schrieb ihrer Mutter von ihrer Liebe zu Rolf, den sie aufgrund ihrer erschöpfenden Arbeit kaum sehen konnte. Ihr 1941 bestandenes Examen galt ausschließlich für die „Pflege von Juden oder in jüdischen Anstalten“.

Hilde versuchte aus Basel heraus, Einreisegenehmigungen für ihre Kinder zu erwirken, doch die geschlossenen Grenzen verhinderten dies. Im März 1942 wurde Rolf verhaftet, nach Spandau gebracht und vier Monate später deportiert. Er starb kurz vor Kriegsende in einem Lager bei Danzig.

Deportation, Hoffnung und das Ende einer Familie

Anitas Briefe spiegeln ihre wachsende Angst vor der eigenen Deportation. Im Juni 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrem Bruder nach Theresienstadt verschleppt – dennoch hielt sie an der Hoffnung fest, eines Tages in die Schweiz ausreisen zu dürfen.

Die Mutter versuchte vergeblich, ihre Kinder freizukaufen. Als das Lager vor den heranrückenden sowjetischen Truppen geräumt wurde, kam der siebzehnjährige Reinhard in das Außenlager Gleiwitz III von Auschwitz, aus dem ihm im Januar 1945 die Flucht gelang.

Anita starb im April 1945 an einer Typhusepidemie, wie eine Mitgefangene später eidesstattlich bestätigte. Hilde Frank starb vier Monate später an den Folgen zweier Operationen – ohne ihre Kinder je wiedergesehen zu haben.

Ein Buch, das erklärt, einordnet und erschüttert

Die Briefe werden im Buch in blauer Schrift wiedergegeben, teils sogar in ihrer originalen Handschrift. Ergänzt werden sie durch einordnende Texte von Christian Brückner, der an den jeweiligen Stellen sowohl den Kriegsverlauf als auch die gesetzlichen Maßnahmen des NS-Regimes erläutert.

Wer glaubt, bereits alles über den Holocaust zu wissen, wird hier eines Besseren belehrt. Besonders eindrücklich ist das Schicksal der ebenfalls nach Theresienstadt deportierten Ida Cohn, deren „Heimeinkaufsvertrag“ – eine perfide Tarnung der Enteignung – Brückner präzise analysiert.

Verschlüsselte Botschaften und die Kunst des Verstehens

Um der Zensur zu entgehen, mussten die damaligen Schriften verschlüsselt werden. Ihre Bedeutung erschließt sich erst durch die sorgfältigen Erläuterungen des Herausgebers, der mit klarem Blick und tiefem Verständnis die verborgenen Botschaften freilegt. Ohne diese „Übersetzungen“ wären viele Hinweise kaum einzuordnen.

Christian Brückner, der beruflich um Neutralität und Objektivität bemüht ist, hat mit «Spreche morgen Rolf» das Vermächtnis des 2010 verstorbenen Reinhard Frank zweifellos in dessen Sinne bewahrt – und ein bedeutendes Zeitzeugnis geschaffen, das lange nachhallt.

«Spreche morgen Rolf» von Christian Brückner (Hrsg.)

Cover von Spreche morgen Rolf von Christian Brückner
Christoph Merian Verlag 2025
Hardcover
224 Seiten
ISBN 978-3-03969-039-8

Bildquelle: Christoph Merian Verlag

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