Mit sechsunddreißig Jahren fühlt sich Emily einsam und verlassen, denn der Mann ihres Lebens ist ihr nirgendwo begegnet. Ein Medizin-Studium hat sie bereits abgebrochen und nach sechsjähriger Arbeit bei einer Versicherung hat sie die Kündigung erhalten. Was hat sie noch vom Leben zu erwarten? In ihrer Verzweiflung schluckt sie zu viele Tabletten, wird gerettet und landet schließlich in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich, wo sie sich gerne mit dem Hochschulabsolventen Rolf und ihrer Zimmernachbarin Ariane austauscht.

Mit der Maßgabe, ein Praktikum in einem Bestattungsinstitut zu machen, kann sie ihren behandelnden Arzt Dr. Schindler überzeugen und wird entlassen. Sie bekommt ein Zimmer in einem Studentenwohnheim in Basel, wo sie Serena, Haitao und Jared als Freunde gewinnt. Im ländlichen Aargau lernt sie viel von dem verständnisvollen Bestatter Noah. Er lehrt sie, die Toten anzukleiden, nimmt sie mit zum Krematorium und auch zu einem Gleissuizid, zu dem sie ein Staatsanwalt beordert hat. Bei den Toten fühlt sich Emily so lebendig wie seit langem nicht. Sie hält weiterhin Kontakt zu Rolf und Ariane, die ihr bei einem Treffen sagt: „Es muss etwas passieren“, was Emily jedoch nicht versteht. Als sie mit Noah in der Pathologie einen Vergifteten abholen soll, stockt ihr beim Anblick der Atem, da sie den Toten kennt.

Emily gibt sich in dem Roman von Evelyn Reimann selbst philosophischen Gedanken hin und tauscht sich zu diesem Punkt auch sowohl mit ihren Freunden aus dem Studentenwohnheim, als auch mit Ariane und Rolf aus der Klinik und insbesondere mit ihrem Lehrmeister Noah aus. Auf diese Weise erfährt auch der Leser viel Wissenswertes über sichere Todeszeichen, Feuerbestattung, Verwesung, Trauerverarbeitung, Restauration von Unfallopfern oder die gesellschaftlichen Veränderungen wie das heute nicht mehr übliche Aufbahren in der häuslichen Wohnung. Die Autorin, die selbst praktische Erfahrungen im Bestattungswesen gesammelt hat, spricht islamische Bestattungsrisiken und das Tabu von Totgeburten sowie Bestattungen von Embryonen an und räumt mit dem Mythos Leichengift auf.

Der Roman Es muss etwas passieren von Evelyn Reimann liefert interessante Gedanken, Fakten und Gründe zum Thema Suizid und widmet sich den Forschungen in Bezug auf Sterbebett-Visionen und Nahtod-Erlebnisse, die Sterbeforscher sowie Sterbebegleiter beobachtet haben. Es geht um Zeit, die kaum noch jemand zu haben glaubt und um Menschenwürde. Ganz besonders auf den ersten Seiten fällt es jedoch nicht leicht, sich auf das Buch und den Schreibstil der Autorin mit unverständlichen Textstellen einzulassen. Trotz wirklich vieler interessanter Informationen, die für den Leser zumeist neu sein dürften, muss er einen Draht für Umschreibungen wie „Das Jenseits liegt ungeschickt auf dem Küchentisch“ haben. Nur, wenn er sich darauf einlässt, kann er eine Menge aus der Welt der Bestatter erfahren, die den meisten verborgen bleibt, was allerdings auch voraussetzt, dass er nicht zimperlich sein darf. Unter welchen Umständen und von wem Emily gerettet wurde, bleibt das Geheimnis der Autorin.

Evelyn Reimann, Es muss etwas passieren, Verlag Johannes Petri 2016, Hardcover, 182 Seiten, ISBN 978-3-03784-100-6, Preis: 29,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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