Sturm über Christiansø – wenn eine Aktivistin verschwindet und Bornholm unter Druck gerät

Cover von Sturm über Christiansø von Michael Kobr

Ein Ermittler zwischen Energieinsel und wachsender Unruhe

Lennart Ipsen ist seit gut einem Jahr Leiter der Bornholmer Kripo und hat sich auf der Insel hervorragend eingelebt. Inzwischen bewohnt er eine Loftwohnung mit Blick auf das weitläufige Hafenbecken in der Inselhauptstadt Rønne. In den letzten Monaten hat sich viel verändert, denn Bornholm wurde offiziell zur Energieinsel erklärt. Mehrere Offshore‑Windparks rund um die Insel wurden gebaut, zwei davon sind bereits in Betrieb. Dadurch sind zahlreiche neue Arbeitsplätze entstanden, und die Wirtschaft der Insel profitiert erheblich.

Doch nicht alle Einwohner begrüßen diese Entwicklungen. Einige sehen eine potenzielle Gefahr für das beschauliche Leben auf Bornholm. Andere entrüsten sich über zugezogene Arbeiter und Angestellte, die im neuen Industriezweig Arbeit gefunden haben. Zudem warnen aktive Vogelschützer vor großen Windanlagen in ökologisch sensiblen Gebieten, da sie See‑ und Zugvögeln gefährlich werden können. Die Betreiberfirma Airpower Bornholm wurde bereits mehrfach von Aktivisten belagert. Regionale Fernsehsender berichten regelmäßig darüber, und die Social‑Media‑Kanäle sind voll von entsprechenden Beiträgen. Besonders die Umweltaktivistin Anna Steenberg nutzt diese Plattformen und Talkshows, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Sie hat es zu einiger Bekanntheit gebracht, und Lennart vermutet, dass ihre Followerzahlen inzwischen stark gestiegen sind.

Eine Aktivistin verschwindet – und die Lage eskaliert

Die Situation spitzt sich zu, als Anna Steenberg vor einer weiteren Protestaktion spurlos verschwindet. Zunächst deutet vieles auf ein freiwilliges Untertauchen hin, doch bald mehren sich Hinweise, dass ein Verbrechen dahinterstecken könnte. Lennart Ipsen und sein Team nehmen die Ermittlungen auf und geraten in ein Geflecht aus wirtschaftlichen Interessen und persönlichen Konflikten. Die Spur führt sie von den Windparks vor Bornholm bis auf die abgelegenen Erbseninseln Christiansø und Frederiksø. Je näher die Ermittler der Wahrheit kommen, desto deutlicher wird, dass mehrere Beteiligte ein starkes Interesse daran haben, bestimmte Ereignisse um jeden Preis geheim zu halten.

Windparks, Naturschutz und eine ausgeblendete Debatte

Obwohl Michael Kobr im Kriminalroman Sturm über Christiansø* den Aspekt der Gefahren für heimische See‑ und Zugvögel aufgreift, werden mögliche vorbeugende Schutzmaßnahmen nur beiläufig erwähnt und mit zu hohen Kosten für die Betreiber abgetan. Dadurch bleibt ein wesentlicher Teil der Debatte weitgehend ausgeblendet.

Tatsächlich befassen sich Wissenschaft und Naturschutz seit Jahren mit technischen und organisatorischen Maßnahmen, um das Kollisionsrisiko für Vögel zu verringern. Dazu zählen radarbasierte Erkennungssysteme, die bei starkem Vogelzug ein zeitweiliges Abschalten einzelner Anlagen ermöglichen, optimierte Standorte außerhalb wichtiger Zugkorridore sowie Maßnahmen zur besseren Sichtbarkeit der Rotorblätter.

Der Roman greift damit zwar einen realen Konflikt zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem Schutz der Biodiversität auf, verzichtet jedoch weitgehend auf eine differenzierte Darstellung bestehender Lösungsansätze. Die Frage, ob höhere Investitionen in Schutzmaßnahmen angesichts ihres ökologischen Nutzens gerechtfertigt sein könnten, wird nicht weiter vertieft. Stattdessen entsteht der Eindruck, wirtschaftliche Interessen stünden zwangsläufig über den Belangen des Arten‑ und Naturschutzes. Gerade weil Sturm über Christiansø* aktuelle gesellschaftliche und ökologische Themen einbindet, hätte eine ausführlichere Auseinandersetzung mit naturverträglichen Betriebsmodellen den Roman zusätzlich bereichert. Die Problematik bleibt präsent, ihre Komplexität jedoch nur am Rande gestreift.

Bekannte Figuren, viel Landschaft – und spät einsetzende Spannung

Leser, die bereits einen Bornholm‑Krimi von Michael Kobr mit Lennart Ipsen kennen, begegnen in Sturm über Christiansø* zahlreichen vertrauten Figuren wieder. Auch über das Privatleben des Ermittlers und seiner Kolleginnen sind sie bereits gut informiert.

Ähnlich wie im dritten Band Schatten über Sømarken entwickelt sich der eigentliche Kriminalfall zunächst nur zögerlich. Statt die Ermittlungen konsequent voranzutreiben, widmet sich der Autor immer wieder ausführlich dem Privatleben seines Protagonisten und schildert mit großer Detailfreude Landschaften, Ortschaften und Sehenswürdigkeiten Bornholms sowie der Erbseninseln Christiansø und Frederiksø. Dadurch kommt über weite Strecken wenig Spannung auf. Zeitweise entsteht der Eindruck, eher einen touristischen Reiseführer über Bornholm und die Erbseninseln zu lesen, der die landschaftlichen Reize der Region in den Mittelpunkt stellt.

Erst im letzten Viertel des Romans nimmt die Handlung deutlich an Fahrt auf und entwickelt schließlich die Spannung, die man von einem Kriminalroman erwartet.

Sturm über Christiansø von Michael Kobr

Cover von Sturm über Christiansø von Michael Kobr
Goldmann Verlag 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
400 Seiten
ISBN 978-3-442-30239-0

Bildquelle: Goldmann Verlag

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