Zwischen Blutrichter und Gewissensqual

Die außergewöhnliche Biografie des SS-Untersuchungsrichters Konrad Morgen

Cover von Der Fall Konrad Morgen von Christian Hardinghaus

Aufstieg, Fall und erneuter Auftrag

Christian Hardinghaus rollt in der Biografie Der Fall Konrad Morgen das Leben und Schaffen des SS-Untersuchungsrichters Konrad Morgen neu auf: angefangen von dessen Geburt im Jahr 1909 über seine Kindheit, Schulzeit, Studium, Promotion und seine Beitritte in SS und NSDAP, die ihm Aufstiegschancen versprachen. Wegen seiner Einmischung in eine Verhandlung wurde er schon wenige Wochen nach seinem Amtseintritt als Richter seines Amtes enthoben.

Nach einer Ausbildung an der von Heinrich Himmler gegründeten Sondergerichtsbarkeit glaubte der als Hilfsrichter Einberufene noch an die Gerechtigkeit und erhielt für seine Kompromisslosigkeit den Spitznamen „Blutrichter“. Er deckte Misshandlungen an der Zivilbevölkerung sowie die Bereicherungen des SS-Führers Hermann Fegelein auf, erkannte in Oskar Dirlewanger einen wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilten Täter, dessen Gefolgsleute ebenfalls verurteilte Verbrecher waren, denen Zehntausende zum Opfer fielen.

Die Reihe der von Konrad Morgen aufgedeckten Korruptionsfälle war lang. Es folgten Degradierung und eine Versetzung an die Ostfront, um daraufhin von Himmler zum Untersuchungsrichter ernannt zu werden. „Er legt Korruptionsnetzwerke offen und deckt Mordkonspirationen auf“, wobei er sich einem unlösbaren Dilemma gegenübersah: Er verfolgte „Einzelmorde aus Habgier oder Sadismus“, während die „systematische Massenvernichtung“ legalisiert war.

Verbrechen dokumentiert, Täter angeklagt – und doch ohnmächtig

Von den achthundert von Konrad Morgen dokumentierten Verbrechen von SS-Angehörigen in diversen Lagern hatte er zweihundert zur Anklage gebracht und erwirkte die Hinrichtung des sadistischen Folterers und Henkers Karl Otto Koch. Im Jahr 1943 hörte er erstmalig von Vergasungen, sah für ein Attentat gegen Adolf Hitler keine Aussicht auf Erfolg und auch in einer Flucht keine Lösung, da man ihm im Ausland angesichts der endlosen Liste von ihm aufgedeckter Fälle kaum Glauben geschenkt hätte.

Vor dem Einmarsch der Roten Armee in Krakau floh er, stellte sich später mit seinen geretteten Dokumenten freiwillig den Amerikanern, saß als Mithäftling seinen ehemaligen Angeklagten im Internierungslager Dachau gegenüber, wurde freigesprochen und einmal als Kronzeuge der Anklage, ein anderes Mal als Kronzeuge der Verteidigung aufgerufen. Seinem Entnazifizierungsgutachten entgegensehend war Maria Wachter seine Rettung – seine bereits vor Kriegsbeginn kennengelernte große Liebe, die er als freier Mann auch endlich heiraten durfte. Nach einem noch 1972 eingeleiteten, jedoch eingestellten Verfahren verstarb er im Jahr 1982.

Wissenschaftlich präzise, erzählerisch wie ein Thriller

Christian Hardinghaus hat seine wissenschaftliche Publikation in einer interessanten Aufarbeitung spannend wie einen Thriller verfasst und seinen Leserinnen und Lesern auf diese Weise ein Verständnis für das Handeln in der damaligen Zeit ermöglicht, das bedeutsam für die von Konrad Morgen gefassten Entschlüsse war. So hat der Autor die systematische Vernichtung von Millionen Menschen von deren Ankommen im KZ an vor dem geistigen Auge seiner Leserschaft greifbar gemacht: Mit perfiden Mitteln wurden die Neuankömmlinge auf ihrem Weg zu den „Duschräumen“ in Vernichtungslagern ruhig gehalten, während andere im KZ mit dem Richter vorgeführten Foltermethoden wie der „Boger-Schaukel“ oder Stehzellen gequält wurden, die dem Leser zugegebenermaßen einiges abverlangen.

Die Vorstellung, dass laut Tanzmusik gespielt wurde, um die Schreie der Häftlinge zu übertönen, die sich vor ausgehobenen Gräben zur Massenerschießung aufstellen mussten, fällt schwer.

Ein umstrittener Richter und die Zurückhaltung der Historiker

Der Autor schreibt, dass sich zwar bereits Historiker vor ihm mit Konrad Morgen auseinandergesetzt haben, er sich jedoch jeweils in Kommentaren eindeutig zu diesen bezieht und darauf hinweist, dass Historiker eine Bewertung der Tätigkeiten des hier zur Sprache kommenden Richters scheuen. Medien greifen das Thema dieses kaum bekannten Juristen nicht auf, der sich aufgrund seiner Unbeugsamkeit zunehmend Feinde geschaffen hat und vor seinem Auftritt als wichtiger Zeuge bei den Nürnberger Prozessen verhaftet und zusammengeschlagen wurde.

Christian Hardinghaus konnte mit Unterstützung vieler Menschen, wie er in seiner Danksagung schreibt, die Familiengeschichte von Konrad Morgen unter anderem aus dessen Tagebüchern, Briefen und den Ermittlungsakten rekonstruieren und hat in seinem Werk viele in kursiver Schrift abgedruckte Originalreden (darunter die „bizarrste Zeugenaussage der deutschen Justizgeschichte“) wiedergegeben, die in Fußnoten teilweise noch ausführlicher behandelt werden und Teil eines über fünfzig Seiten starken Anhangs sind – nicht zu vergessen die mittig hinzugefügten Fotos und Dokumente.

Detailgenauigkeit, Liebesgeschichte und eine korrigierte Verwechslung

So wie Konrad Morgen ganz genau auf die vom Regime verübten Verbrechen hinsah, fiel auch Christian Hardinghaus erst nach systematischer Auswertung seines Nachlasses auf, dass eine im Jahr 2019 von David Lee erschienene Biografie eine Verwechslung der von Konrad Morgen geliebten Maria Wachter aufwies. Das zeigt einmal mehr, dass der Autor keine halben Sachen macht und gründlich jedes Detail unter die Lupe nimmt.

Was den sich aufgrund einer verweigerten Eheschließung über viele Jahre hinziehenden Briefwechsel der Liebenden anbelangt, ist bei genauem Hinsehen auf die abgedruckten wörtlichen Reden eine geniale Interpretation von Christian Hardinghaus zu erkennen.

Eine meisterhafte Biografie, die man gelesen haben sollte!

Der Fall Konrad Morgen von Christian Hardinghaus

Cover von Der Fall Konrad Morgen von Christian Hardinghaus
Europa Verlag 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
350 Seiten
ISBN 978-3-95890-663-1

Bildquelle: Europa Verlag

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