Zwölf Frauen, zwölf Grenzmomente – Einblick in Nadine Kegeles „Annalieder“

Buchcover: Annalieder von Nadine Kegele

Schwestern, Erwartungen und ein Pailettenkleid

Helene wollte ihrer kleinen Schwester Anna nur ihren Freund Mats vorstellen, weil sie auf beide stolz war. Sie konnte nicht ahnen, dass sie Gefallen aneinander finden. Gestern Abend und heute in der Früh hat sie nichts gegessen, damit ihr Pailettenkleid gut sitzt. Eigentlich hat sie Glück, nicht in Annas Haut zu stecken, in ihrem weißen Kleid. „Anna sein“ und elf weitere Geschichten werden von Nadine Kegele in Annalieder* jeweils aus der Perspektive einer weiblichen Protagonistin erzählt.

Körper, Schmerz und fragile Begegnungen

Eine Frau greift in „Die Farbe Blut“ nach dem Duschgel und schneidet sich dabei mit dem Rasierer in die Brustwarze. Sie ist unsicher, ob sie zu ihrem praktischen Arzt oder zu ihrem Gynäkologen gehen soll.
Eine andere mit einer birnenförmigen Figur wie ihr Kontrabass kann in „Nie einen Rosengarten“ Gebärfreude nicht nachvollziehen, weil sie weder Schmerzen noch Kinder mag. Am Sonntag geht sie in einem schäbigen Mantel und dem Kontrabass zu einem Freund, und sie musizieren nackt, bevor sie miteinander schlafen.
Eine Frau mit Plastiktüten, deren Körper man ansieht, dass sie zu wenig isst und deren Hände zittern, weil sie nichts getrunken hat, ist eine der Protagonistinnen in „Spreefiguren“. Sie möchte ihr Geld geben, doch weiß sie nicht, wie sie ihr das Geld zustecken soll.
Er hat in „Dann, allein, Galapagos“ beschlossen, dass Michaela nach Galapagos nicht mitfahren darf, weil sie schwanger ist. Sie denkt, sie würde ihm keine gute Frau sein. In zwölf Wochen wird er zurückkommen, die Schwangerschaft ist dann vielleicht noch da, aber sie ist weg.

Randfiguren, Sprachrhythmus und literarische Härte

Die zwölf Kurzerzählungen in Annalieder* handeln von weiblichen Randfiguren, die keine Heldinnen sind, doch vielleicht gilt ihnen gerade deshalb Nadine Kegeles literarisches Interesse. Die Geschichten über ungewöhnliche oder auch alltägliche Situationen sind keine Moritaten, wie es im Klappentext des Buches heißt, denn sie schildern kein entsetzliches Ereignis oder schauriges Verbrechen und enden auch nicht mit einer belehrenden Moral.

Doch erzeugt der Rhythmus der unkonventionellen Sprache der Autorin eine eintönige Melodie, die bedrückend und teils grotesk ist. „Zuallererst musst du dir mehr zutrauen, als du kannst. Du musst ein völliges Desinteresse für die Grenzen deiner Fähigkeiten entwickeln“, schreibt Nadine Kegele auf Twitter. Das ist ihr mit den Erzählungen in Annalieder* auch gelungen, denn die Geschichten sind weder unterhaltsam oder spannend geschrieben, noch regen sie den Leser zum Nachdenken an. Aufgrund des ungewöhnlichen Schreibstils der Autorin ist das Buch eine Zumutung für den Leser, der die angekündigte Komik und Protagonistinnen, die sich von der „Unbeweglichkeit des Lebens“ abheben, vergeblich sucht.

Annalieder von Nadine Kegele

Buchcover: Annalieder von Nadine Kegele

Ein sprachintensiver Erzählband über Frauen in Grenzmomenten: Nadine Kegele zeigt fragile Beziehungen, Körperlichkeit und Alltagsbrüche in zwölf ungewöhnlichen Kurzgeschichten.

    Verlag: Czernin
    Erscheinungsjahr: 2013
    Seitenzahl: 112
    Genre: Kurzgeschichten

Bildquelle: Czernin Verlag

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