
Ein unerwartetes Erbe und drei ahnungslose Verwandte
Der unheilbar an einem Tumor erkrankte Benedikt Walser beschließt, das von seiner Mutter geerbte Hotel Sardona in St. Martin seinen Neffen Robert und Walter sowie seiner Nichte Franziska zu überlassen. Allen hat er einen Umschlag mit einer Einladung zum Nachtessen im Hotel zukommen lassen – wohl wissend, dass die drei nichts von seiner Existenz als Onkel wissen, da er als uneheliches Kind zur Welt kam und verheimlicht wurde.
Neugierig reisen Robert, Walter und Franziska nach St. Martin, nachdem sie sich seit dem Tod ihrer Eltern vor zehn Jahren nicht mehr gesehen haben. Während Franziska von dem Hotel begeistert ist, in dem einst Berühmtheiten ein- und ausgingen, kann sich der arrogante Robert einige herablassende Bemerkungen über das in die Jahre gekommene Gebäude, das zuletzt als Flüchtlingsheim genutzt wurde, nicht verkneifen.
Benedikts Bedingung: Glanz erneuern und Bleiberecht gewähren
Nach einem opulenten Nachtessen verabschiedet sich Benedikt Walser von seinen zuletzt als Kinder gesehenen Verwandten mit der Offenbarung, dass er ihnen das Hotel schenkt – unter der Bedingung, es „wieder zu altem Glanz zu führen“ und den drei letzten Flüchtlingen Navid aus dem Iran sowie dem Syrer Kemal und dessen Tochter Bahira ein Bleiberecht einzuräumen. Dazu präsentiert er eine bereits notariell beglaubigte Schenkungsurkunde.
Mit seinem unvermittelten Abgang bringen die Autoren Martin Oesch und Ralph Weibel den Stein ins Rollen, denn die völlig unterschiedlichen Geschwister, die bereits im Prolog bei einem letzten gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern vorgestellt wurden, finden nur schwer Zugang zueinander.
Drei Geschwister, drei Leben – und viele Konflikte
Der in Scheidung lebende Investmentbanker Robert versucht zunächst, einen für die Geldwäsche Bekannten zu erreichen. Als dieser nicht reagiert, wendet er sich ausgerechnet an Julius Brodbeck, den Juwelier, bei dem Rita arbeitet – die Ehefrau von Walter. Rita wiederum versucht, ihren Chef ohne Wissen ihres Schwagers als Investor zu gewinnen.
Walter, der nach einem Arbeitsunfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, erinnert sich alter Kontakte und möchte einen Architekten für das Projekt gewinnen. Franziska, von ihren Brüdern stets als Möchtegernkünstlerin belächelt, lebt in Südfrankreich, verfügt nur über unregelmäßiges Einkommen und leidet darunter, dass ihr Sohn nach einem Gerichtsurteil beim Vater lebt.
Fluchtgeschichten, Lokalkolorit und neue Verbündete
Im mit Lokalkolorit gespickten Roman Hotel Sardona* machen die Autoren auf die politische Lage in den Herkunftsländern der noch im Hotel lebenden Flüchtlinge aufmerksam. Navid war in Isfahan Umweltanalytiker und hat sich im Hotel als Koch profiliert, während der aus Damaskus stammende Kemal für sein Klavierspiel geschätzt wurde. Seine zwölfjährige Tochter Bahira spricht seit dem brutalen Überfall auf ihre Mutter und Großeltern kein Wort mehr und verbringt ihre Zeit am liebsten mit der Border-Collie-Hündin Sardona.
Weiter treten der Architekt Loher und seine Bekannte Erica Geiger auf, eine Journalistin, die wie ihr Chef nur an hohen Verkaufszahlen interessiert ist und es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Willy Benz vom Heimatschutz zeigt großes Interesse am Erhalt des Hotels, obwohl es Unsummen verschlingen wird, bevor es wieder im alten Glanz erscheinen kann. Zudem spielen ein Hochzeitskleid und Diamanten eine Rolle, denen Juwelier Brodbeck vergeblich nachjagt.
Wortwitz, Situationskomik und überraschende Wendungen
Der Leser wird durch humorvolle Umschreibungen amüsiert, etwa wenn ein „übersichtliches“ Krankenzimmer beschrieben wird, in dem ein Rollstuhlfahrer kaum Platz findet, Banken als Wegelagerer bezeichnet werden oder der Juwelier so wirkt, als hätte er „ein Hirschgeweih, weil er genau im entsprechenden Winkel zur Jagdtrophäe an der Wand platziert war“.
Auch Linda, die künftige Ex-Frau von Robert, sorgt für Heiterkeit, da sie selbstverständlich ebenfalls etwas vom „Kuchen“ abhaben möchte.
Ein Roman über Schein und Sein – und über neue Chancen
Der mit reichlich Wortwitz und Situationskomik ausgestattete Plot zeigt, dass manch ein Schein trügt, solange man einem Menschen nur vor den Kopf schauen kann. Die Geschwister Robert, Walter und Franziska erleben in ihrer neu zu gestaltenden Zukunft einige Überraschungen und revidieren ihre vorgefertigten Urteile übereinander.
Was das Autorenduo Martin Oesch und Ralph Weibel betrifft, zeigt sich einmal mehr: „Never change a winning team“ – und man möchte hinzufügen: Weiter so.
Hotel Sardona von Martin Oesch und Ralph Weibel

Gmeiner Verlag 2026
Taschenbuch
304 Seiten
ISBN 978-3-8392-8084-3