
Ein ungewöhnlicher Besuch auf Belle-Île
Inge erwartet gemeinsam mit ihrem in Saint-Malo wohnenden Sohn Philippe und ihrer Haushälterin Mathilde ungewöhnlichen Besuch auf der bretonischen Insel Belle-Île: Die Anfang fünfzigjährige Lea aus Norddeutschland, deren dementer Vater Uwe im Pflegeheim verstorben ist, hat in dessen Hinterlassenschaft neben einer Vielzahl an Postkarten und Briefen seiner zahlreichen Affären einen von ihm vor fast vierzig Jahren verfassten Brief gefunden. Sie gibt ihrem Vater das Versprechen, den Brief an Inge, die Angeschriebene, zu übergeben.
Obwohl Leas Freund Christoph, der in Süddeutschland als Anwalt tätig ist und mit ihr eine Fernbeziehung führt, gegen die weite Reise ist, bei der Lea den Brief persönlich übergeben will, macht sich die Maskenbildnerin auf den Weg.
Erinnerungen auf der Fähre und gemischte Gefühle auf der Insel
Während der Überfahrt auf der Fähre erinnert sich Lea daran, wie sie als Zwölfjährige in das erschrockene Gesicht ihres nur mit einem Handtuch um die Hüften gewickelten Vaters und einer lediglich im Bademantel gehüllten Frau sah.
Unterdessen sieht Inge, die während des Verhältnisses mit Uwe verheiratet und Mutter von zwei Kindern war und später in Jean einen gütigen zweiten Ehemann gefunden hat, von dem Philippe stammt, ihrer Besucherin mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn was kann so wichtig sein, dass Uwe es zu Lebzeiten nicht offenbarte, nun aber doch noch ans Licht kommen soll?
Ein Roman, inspiriert von einem Fund aus der Vergangenheit
Ava Husfeldt hat sich zu ihrem Roman Die unscharfen Ränder der Liebe* entschlossen, nachdem sie kurz vor dem Tod ihres Vaters in seinen Unterlagen einen von ihm vor vierzig Jahren geschriebenen Brief gefunden hat, den sie – wie im Roman beschrieben – der Adressatin übergeben hat.
Den Plot hat sie so aufgebaut, dass Inge zunächst den angekündigten Besuch erwartet. Dann ist von der auf Reisen befindlichen Lea zu lesen und ihren gedanklichen Rückblicken, um wieder zu Inge zu wechseln, die beim Rosenschneiden einen Anruf von der noch unbekannten Lea entgegennimmt.
Fotos, Erinnerungen und eine Entscheidung nach vierzig Jahren
Inge lässt sich Zeit mit der Entscheidung, ob sie Lea kommen lässt. Schließlich gibt es lange verschlossene und verdrängte Erinnerungen sowie die von ihr einst mit ihrer Leica gemachten Fotos, die Inge nach nunmehr fast vierzig Jahren auspackt und ihre Vergangenheit wieder aufleben lassen: Wie sie Uwe kennengelernt hat, das erste Treffen, die ewigen Lügen ihrem ersten Ehemann gegenüber sowie die Träume von einer gemeinsamen Zukunft und einem Haus am Meer.
Erst als sie die schmerzhaften Erinnerungen zulassen kann, bittet sie Lea zu kommen – worauf beide Frauen viel zu erzählen haben.
Vorsorge, klare Momente und ein bedeutsames Nicken
Im Zusammenhang mit den Besuchen von Lea bei ihrem dementen Vater Uwe im Heim streift die Autorin die Bedeutung von Vorsorgevollmachten. Sie macht deutlich, dass es durchaus auch luzide Momente mit klarem Bewusstsein geben kann, was in dem Moment der Fall war, als Lea von dem aufgefundenen, an Inge adressierten Brief spricht. Uwe quittiert die Frage, ob Inge den Brief erhalten soll, mit einem deutlichen Nicken.
Obwohl er, nachdem seine Ehefrau ihn verlassen hat, viele Frauen gehabt hat, muss ihm an dieser Inge etwas gelegen haben.
Ein vielschichtiger Roman über verpasste Chancen
Den Plot des vielschichtigen und mit Lokalkolorit versehenen Romans prägen die von Ava Husfeldt eingesetzten treffenden Vergleiche und Metaphern – wie die Formulierung, die Antworten spielten noch Verstecken. Natürlich müssen sich Lea und der Leser gedulden, wie Inge auf den Brief reagiert.
Allein schon wegen der langen und nicht enden wollenden Kapitel kann das neugierig machende Buch nicht gerne aus der Hand gelegt werden. Es geht um nicht ausgesprochene Worte und verpasste Chancen, wobei die Autorin tief in das Thema zweier ins Gespräch vertiefter Frauen eindringt, was so manchen Leser in Gedanken über das eigene Leben zurücklassen wird.
Die unscharfen Ränder der Liebe von Ava Husfeldt

Droemer Verlag 2026
Klappenbroschur
336 Seiten
ISBN 978-3-426-57263-4