Neuleben von Katharina Fuchs

NeulebenIn dem Roman „Neuleben“, der im Jahr 1953 in West-Berlin beginnt, erzählt Katharina Fuchs die wahre Geschichte ihrer Familie in der Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die beiden Frauen Therese Trotha, die ein Jurastudium absolviert, und die Schneiderin Gisela Liedke, die im weiteren Verlauf der Handlung Felix, den Bruder von Therese, heiratet. Während Therese im letzten Semester gegen die Anfeindungen ihrer Kommilitonen sowie die Vorurteile eines Professors gegenüber Frauen in der Rechtswissenschaft zu kämpfen hat, sucht Gisela eine neue Stelle als Schneiderin, da ihre Lehrmeisterin angekündigt hat, die Schneiderei bald zu schließen, um zu ihrer Schwester nach Hamburg zu ziehen.

Giselas Mutter Anna, die früher eine eigene Kollektion für das KaDeWe entworfen hat, drängt sie, sich beim Modehaus Engelmann zu bewerben. Da ihr Bräutigam Felix noch studiert und kurz vor der Diplomarbeit steht, ist das junge Paar auf ihr Einkommen als Schneiderin angewiesen. Deshalb nimmt sie die Stelle in dem Modehaus an, obwohl ihr die Modelle von Engelmann zu bieder sind. Sie träumt von schicken Modehäusern und will extravagante Schnitte entwerfen. Thereses innigster Wunsch hingegen ist es, Zivilrichterin am Kammergericht zu werden, auch wenn in Deutschland kaum eine Frau jemals in das Richteramt berufen wurde. Dieser Traum ist der Grund, warum sie überhaupt Jura studiert, doch um ihr Ziel zu erreichen, muss sie ihr Studium mit Prädikatsexamen abschließen.

Der Roman „Neuleben“ ist in einer Zeit angesiedelt, in der sowohl das gesellschaftliche Leben, wie auch die wirtschaftliche und politische Entwicklung in Deutschland von Männern bestimmt wurden. Frauen hatten sich ausschließlich um das Wohlergehen ihrer Ehemänner zu sorgen und um die Kinder sowie den Haushalt zu kümmern. Wenn sie einer Arbeit nachgehen wollten, benötigten sie das Einverständnis ihres Ehemannes. Emanzipierte Frauen wie Therese und Gisela, die ihre eigenen Wege beschritten, waren damals noch eine Ausnahme. Doch um sich ihre Träume zu erfüllen, müssen die beiden Frauen einige Hindernisse überwinden.

In ihrer Familiengeschichte macht Katharina Fuchs auf das Unrecht aufmerksam, das viele Gutsbesitzer ereilte, deren Betriebe durch die Behörden der neu gegründeten DDR enteignet wurden. Sie haben ihren gesamten Besitz verloren und waren häufig auf das Wohlwollen entfernter Verwandter im Westen angewiesen, um sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Sehr authentisch schildert die Autorin die unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen der beiden deutschen Staaten. Während im Osten Mangelwirtschaft vorherrschte, entstand im Westen eine Aufbruchstimmung, die den Beginn des Wirtschaftswunders einläutete.

Der Roman wird in mehreren Handlungssträngen erzählt, wobei die beiden Protagonistinnen Therese und Gisela einen großen Teil des Plots einnehmen. Aber auch Anna, die mit einer Anstellung im KaDeWe einen Neubeginn wagt, und Felix, der als Student durch Schmuggelgeschäfte in die Fänge der Stasi gerät, sowie Thereses Mutter Charlotte, deren Ehemann Ernst in einem erbärmlichen Zustand aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, sind weitere Handlungspersonen, deren Schicksale in eingefügten Kapiteln sehr bildhaft geschildert werden. So ist der facettenreiche Roman „Neuleben“ von Katharina Fuchs nicht nur eine fesselnde Familiengeschichte, die man nur schwer aus der Hand legen kann, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, die dem Leser auf unterhaltsame Weise deutsche Geschichte näherbringt.

Neuleben von Katharina Fuchs

Neuleben
Droemer Verlag 2021
Taschenbuch
496 Seiten
ISBN 978-3-426-30686-4

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Bildquelle: Droemer Verlag
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