
Femkes harter Alltag auf der Ostsee
Seit einem Schlaganfall, von dem sich Egon Virchow nicht mehr erholt hat, bringt seine Tochter Femke sich und ihre beiden Zwillingssöhne Anton und Bjarne mehr schlecht als recht durchs Leben, indem sie mit dem Kutter Louise auf der Ostsee zum Fischen hinausfährt. Sie ist froh, dass der Wirt Dirk ihr regelmäßig den Fang abkauft, mit dem sie immerhin die Pflegekräfte ihres Vaters bezahlen kann.
Unerwartetes Wiedersehen mit Sonja
Eines Tages erkennt Femke auf einer sich nähernden Yacht ihre alte Freundin Sonja, die als Skipperin gerade in Freest anlegt. Mit ihr war sie auf der Seefahrtsschule und hat sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Wie Femke erfährt, ist Sonja zwischenzeitlich viel in der Welt herumgekommen, mit dem polnischen Offizier Michal Kowalczyk verlobt, führt als Schiffsführerin immer wieder neue Schüler zur Prüfung und arbeitet nebenbei als Anästhesie- und Intensivschwester sowie in der Notaufnahme am Klinikum Greifswald.
Pflegekosten, Sorgen und fehlende Optionen
Als Egon ausbüxt, bleibt für Femke nur die Option, ihren Vater ins Heim zu geben oder eine Ganztagskraft einzustellen. Doch für beides fehlt ihr das Geld, zumal auch noch die Heuer für Decksmann Knuth, der im Fall einer Kündigung arbeitslos würde, ihr Budget belastet. Auch wenn ihr der Mitarbeiter auf der Bank gut gesonnen ist, so ist die Rettung nur kurzzeitig, und selbst die von Sonja vermittelte ehrenamtlich arbeitende Hilfe eines paritätischen Vereins ist keine Dauerlösung.
Ein gefährliches Angebot
Dann lockt der aus Osteuropa stammende Alexander mit einem lukrativen Angebot, das Femke nicht ausschlagen kann. Mit Sonja soll sie beim Fischen einen Umweg nehmen und einige Kisten Wodka einer Kümo (Anmerkung der Rezensentin: Küstenmotorschiff), die auf See auf Ersatzteile aus Polen wartet, entgegennehmen. Um Femke eine Auszeit mit ihren inzwischen vierzehn Jahre alten Söhnen zu gönnen, fährt Sonja nach Aktivierung ihres Patents zwei Wochen für sie.
Nachdem Femke ein weiteres Mal Alexander aus einer, wie er es nennt, Notlage geholfen hat, ködert er sie mit einem weiteren lukrativen Angebot. Zwischen den Frauen kommt es zum Streit, weil Sonja im Gegensatz zu Femke, die sich um die Pflegekosten ihres Vaters sorgt, Gefahr wittert.
Zwei Frauen, zwei Lebenswelten
Freya Jüptner schreibt in ihrem Ostsee-Roman Treibgut* im Wechsel von den Ereignissen um ihre beiden Protagonistinnen. Femke belastet die finanzielle Sorge um ihren Vater, stolz ist sie aber auch auf ihre beiden Söhne, die ihr fleißig zur Hand gehen und schon recht erwachsen wirken. Dass die alleinerziehende Mutter bei den Heimkosten so kräftig zur Kasse gebeten wird, dass ihr kaum Geld zum Leben bleibt, soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.
Über Sonja, die das Berufspatent einer Kapitänin besitzt, ist von ihren Tätigkeiten im Krankenhaus bei Enrico Brettner und dem Job als Skipperin zu lesen. Sie bereitet ihre Auszubildenden auf die bevorstehende Prüfung vor und erlaubt ihnen ein erstes Bier erst nach dem Anlegen. Ihre Schichten gleicht sie mit denen ihres Verlobten ab und trifft Vorbereitungen für ihre Eheschließung. Zudem überführt sie auf Bitten ihres Arbeitskollegen Enrico eine Luxusyacht.
Fachbegriffe und nautische Details
Die Autorin will mit diesem „Herzensprojekt“ den Küstenfischern und Berufsskippern, die „als Segellehrer, Animateure, Psychologen und Fremdenführer“ agieren, eine Plattform geben. Als ausgebildete Fischerin kennt sie natürlich alle speziellen Fachausdrücke, die ihre Leser allerdings oftmals unwissend zurücklassen. Wenn von Büchern der Kollisionsverhütungsregeln oder der Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung die Rede ist, denkt man sich wie bei den häufig im Plot vorkommenden Zollprüfungen und Vorbereitungen zum Auslaufen: Ordnung muss sein. Doch wenn es in einer Anweisung an die Crew heißt, „die Schoten etwas aufzufieren“ oder wenn den Baumniederholdern mehr Zentimeter gegeben und die Traveller ein paar Zentimeter nach Lee versetzt werden sollen, muss der Laie passen.
Unverständlich bleibt dem Leser auch der STCW-Lehrgang mit eiskaltem Wasser im Übungsbecken, das für Sonja nicht wie für junge Stifte ein Spiel ist. Will der Leser verstehen, was mit „25‑m‑Kante fahren“ gemeint ist, muss er sich der Erklärung im Internet bedienen. Und vorweg sei erklärt, dass mit Genua ein Stagsegel auf Segelbooten und -yachten gemeint ist und nicht die Stadt in Italien.
Ein Blick in die Welt der Küstenfischer
Ungeachtet der zahlreichen, detailliert beschriebenen Manöver und Informationen zum Arbeitsalltag der Fischer und Skipper bleibt beim Leser doch eine Menge hängen. Nach der Lektüre gewinnt er zumindest einen kleinen Einblick in diese Welt und kann sich vorstellen, mit welchen Auflagen die Leute beispielsweise bei der von Amts wegen festgelegten Dorsch- und Beifangquote zu kämpfen haben. Am Ende des Plots kommt mit den beiden erpressten Frauen noch Spannung auf, die alles auf eine Karte setzen.
