Mich kriegt ihr nicht! – Die unglaubliche Lebensreise des Joseph Wisnicki

Cover von Mich kriegt ihr nicht! von Joseph Wisnicki

Vom Scharfschützen zur Flucht vor zwei Diktaturen

Der erste Teil des Buches Mich kriegt ihr nicht!* gibt die Lebensgeschichte des Juden Joseph Wisnicki in der Ich-Form wieder: Am 2. Oktober 1916 im polnischen Częstochowa geboren, wird er von der polnischen Armee als Scharfschütze ausgebildet. Im Krieg kämpft er gegen die Deutschen, gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kommt über einen Wachposten frei. Eine freundliche Familie nimmt ihn in Lemberg auf, er findet Arbeit, muss im Frühjahr 1940 wieder untertauchen und wird als Besitzer eines sowjetischen Passes nach Sibirien verbannt.

Überleben durch Mut, Zufall und falsche Papiere

Im Juni 1941 fallen die Deutschen in die Sowjetunion ein, und nur durch das Nichttragen der für Juden verpflichtenden Armbinde entgeht er einem kaltblütigen Erschießungskommando. Das Ghetto in Lemberg kann Joseph Wisnicki zu Weihnachten 1941 verlassen, und er kehrt als Pole zu seinen Eltern zurück. Während diese sich im September 1942 auf dem Dachboden verstecken, wird er nach Treblinka deportiert. Nach einundzwanzigstündiger, qualvoller Zugfahrt kann er entkommen, indem er vom fahrenden Zug springt, und ist fortan mit gefälschten Papieren auf der Flucht.

Bludenz, Verhaftung und ein riskantes Täuschungsmanöver

Immer die Angst im Nacken, als Jude erkannt zu werden, landet Joseph Wisnicki in Bludenz, wo er auf die Bekannte Ruta Asz aus seiner Heimat trifft. Im August 1944 wird er von der Polizei auf seiner Arbeitsstelle aufgegriffen und abgeführt. Nach drei Wochen im Gefängnis kommt er mittels der überzeugenden Lüge, kein Jude zu sein, frei und hält sogar noch ein mit Hakenkreuz ausgestelltes Dokument in Händen, das ihn fälschlicherweise als Juden ausgewiesen hätte.

Neuanfang nach dem Krieg und ein Leben in Freiheit

In Innsbruck lernt er beim Jüdischen Komitee die Sekretärin Leokadia Justmann kennen, und zu seiner größten Freude hat sein inzwischen verheirateter Bruder überlebt, was mit einer Wiedersehensfeier im September 1946 begangen wird. Der Emigration seines Bruders und der Schwägerin folgen Joseph und seine mit ihm verheiratete Leokadia nach New York, wo er bis zu seinem Tod am 24. April 2016 in Florida als freier Mann glücklich lebt.

Historische Rekonstruktion und die Wahrheit hinter Treblinka

Der zweite Teil des spannend zu lesenden Buches Mich kriegt ihr nicht!*, das aus dem Englischen von Birgit Salzmann übersetzt wurde, beschäftigt sich mit den aufwändigen Recherchen der historischen Überprüfbarkeit der Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger. Sie konnten das Schicksal der Eltern des als Józef Wiśnicki geborenen und zu Joseph Wisnicki gewordenen Juden nachzeichnen, die in Treblinka zu Tode kamen. Zur Erinnerung werden die politische Situation dieser Zeit sowie die Pläne der Nationalsozialisten mit den Massenvergasungen genannt, wobei im Normalfall ein- bis sechstausend pro Zug Ankommende innerhalb von nur drei Stunden tot waren. Anders als in Auschwitz, wo Zyklon B zum Einsatz kam, wurden in Treblinka die Abgase eines Verbrennungsmotors genutzt.

Revolte, Überlebende und akribische Spurensuche

Die Recherchen der Herausgeber offenbaren die Verdienste Samuel Willenbergs, der die Revolte in Treblinka vorantrieb, sowie die von Zygmunt Rolat, der als Einziger seiner Familie überlebt hat. Die Rekonstruktionen fanden die Namen der von Joseph Wisnicki erwähnten Fluchthelfer und Retter, wobei auch Informationen zu seiner in Bregenz getroffenen Bekannten Ruta Asz zugesteuert werden konnten, was nach eigenen Angaben einer akribischen Suche nachkam.

Fluchtwege, KZ Reichenau und weitere Wegbegleiter

Nur wenigen Juden glückte eine Flucht in die eher ungefährliche Schweiz, obwohl es auch dort das weniger bekannte und von Gräueltaten gezeichnete KZ Reichenau in Innsbruck gab, für das erst 2025 eine Gedenkstätte realisiert wurde und in das auch Joseph im April 1945 überführt wurde. Weiter haben die Herausgeber Informationen über weitere Wegbegleiter von Joseph Wisnicki wie Josef Moschner und jenen Pfarrer zusammentragen können, der unmittelbar nach Kriegsende sieben Paare getraut hat, was erst durch die Hilfe von Joseph, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, möglich wurde.

Familiengeschichten, Überleben und die Bedeutung von Freundschaft

Was die Familiengeschichte und das Überleben von Josephs Ehefrau Leokadia anbelangt, die sie selbst verfasst hat, erfährt der Leser ebenso wie von der Odyssee seines Bruders David, dessen Cousin seiner Ehefrau ein aus dem Ghetto geschmuggeltes Kind zu sich nahm. Diese eindringlichen Lebensberichte der wenigen Überlebenden des Holocaust machen deutlich, dass nur entkommen konnte, wer Freunde hatte, die selbst ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, wer mit gefälschten Papieren ausgestattet war oder wie der Autor des Buches „Ihr kriegt mich nicht!“ mutig und überzeugend lügen konnte, wobei er sich in einem Fall als Taubstummer ausgab.

Dokumente, Fotos und ein Buch, das bleibt

Großem Dank fühlen sich die Herausgeber der Community der überaus zahlreichen Forschenden verpflichtet, bevor Literaturangaben, Weblinks sowie Personal- und Ortsregister folgen. Zur Untermauerung legen sie unter anderem Fotos, Dokumente, Ausweise, Briefe, Lohnsteuerkarte oder einen Plan des Vernichtungslagers Treblinka vor. Ein Buch, das niemand so schnell aus seinem Gedächtnis verbannen kann.

Mich kriegt ihr nicht! von Joseph Wisnicki

Cover von Mich kriegt ihr nicht! von Joseph Wisnicki
Tyrolia Verlag 2026
Hardcover
160 Seiten
ISBN 978-3-7022-4338-8

Bildquelle: Amazon

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