Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan von Anni E. Lindner

Die Wahrheit schmeckt nach MarzipanFür die sechzehnjährige Gymnasiastin Talitha Kramer, die von allen Tally gerufen wird, bricht mit dem Tod ihres Vaters eine Welt zusammen. Obwohl er selbst Facharzt für Lungenchirurgie an der Charité war, ist er an einem Lungenkarzinom verstorben. Mit ihrem Paps, der sie wegen ihrer Haarfarbe gerne Füchslein nannte, hatte sie sich von klein auf bestens verstanden. Doch mit seinem Tod, so ist sie überzeugt, ist auch die „alte“ Tally gestorben. Entschlossen unterzieht sie sich einer drastischen äußeren Veränderung. Über ihre beste Freundin Sanna lernt sie Timo, den süßesten Jungen der Schule kennen und sie errötet, wenn sie ihm nur begegnet. Da er Mitglied in einem Bibelkreis ist, dem Tally nicht angehören möchte, macht sie sich keine Hoffnungen, ihn für sich gewinnen zu können. Eines Tages macht sie zufällig die Bekanntschaft einer alten, Marzipan liebenden Frau mit einem Papagei, die ihre trüben Gedanken vertreibt.

Während die Protagonistin in dem Jugendroman „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ zu ihrem Vater immer ein herzliches Verhältnis hatte, versteht sie sich mit ihrer Mutter nicht so gut. Tally ärgert sich darüber, dass diese stets zum falschen Zeitpunkt aufkreuzt und ohne an ihrer Zimmertür anzuklopfen eintritt. Im Gegensatz zum Vater konnte ihre Mutter sie nur „steif und pflichtbewusst“ in die Arme nehmen und verlangt von ihrer Tochter nun auch noch, dass sie zwecks Trauerbewältigung eine Psychotherapeutin aufsucht. Zum Glück hat Tally auf der einen Seite ihre Freundin Sanna, die stets Verständnis für sie zeigt, und darf auf der anderen Seite die alte Frau besuchen, bei der sie sich geborgen fühlt. Tally ist erstaunt, dass diese immer noch das Bett ihres bereits vor sieben Jahren verstorbenen Ehemannes bezieht, so als lebte er noch. Sie lauscht den Geschichten der Frau, die aus ihrem Leben erzählt und schätzt deren alte Sachen, so dass ihr die Besuche wie eine Reise in die Vergangenheit vorkommen.

Anni E. Lindner hat in ihrem Jugendroman verdeutlicht, wie einsam sich Menschen nach dem Tod eines geliebten Menschen fühlen, wie sehr sie unter einem Verlust leiden und wie schnell deshalb Stimmungen umschlagen können. Die emotionale Geschichte rückt ins Bewusstsein, dass nicht immer die Möglichkeit zum Abschiednehmen von einem geliebten Menschen besteht. Oftmals konnte nicht alles gesagt werden, was man noch hätte mitteilen wollen. Und ganz plötzlich ist es zu spät, die Zeit kann nicht zurückgedreht werden. Für den Überlebenden wird es immer einen letzten gemeinsamen Urlaub oder eine letzte gemeinsame Mahlzeit gegeben haben, ohne dass man sich dessen zu dem Zeitpunkt bewusst war.

Tally erzählt von ihren Gedanken an ihren Vater, den Besuchen an seinem Grab und den Geschehnissen in der Schule in der Ich-Form. Insofern kann sich Anni E. Lindner einer den Jugendlichen angemessenen Wortwahl bedienen, womit sie junge Leser von Anfang an begeistern kann. Mit ihrer ungewöhnlichen Wahl der Namen Talitha und Sanna hebt sie sich schon von der Normalität ab, was bei ihrem missionarischen Eifer jedoch noch mehr ins Gewicht fällt: Timo beendet eine Textnachricht mit „Gott segne dich“. Jugendliche dürften so eine Wortwahl kaum gebrauchen, sofern sie nicht wie Timo ein Theologiestudium anstreben. Allerdings ist das keine Abwertung des Buches, da die Autorin, die Heilsarmeeoffizierin ist, diesbezügliche Glaubensfragen recht kritisch beleuchtet hat. Mädchen ab vierzehn Jahren wird der Jugendroman „Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan“ zu Tränen rühren. Sie dürfen sich auf eine sich entwickelnde Liebe mit allerlei Hindernissen freuen sowie auf eine spannende Geschichte, die Tally ihrem Tagebuch anvertraut.

Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan von Anni E. Lindner

Die Wahrheit schmeckt nach Marzipan

Francke-Buch 2021
Broschur
368 Seiten
ISBN 978-3-96362-212-0

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Bildquelle: Francke-Buch
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