Mehr als ein Kiosk – Geschichten aus dem Herzen von Hochheide

Buchcover: Ich bin Büdchen von Verena-Kristina Kirchberg

Ein Schiebefenster voller Geschichten

In ihrem Büdchen in Duisburg-Hochheide verkauft Verena-Kristina Kirchberg seit fast acht Jahren Zigaretten, Getränke, Süßigkeiten und Zeitungen. Zumindest könnte man es so nüchtern beschreiben. Für sie ist eine Trinkhalle jedoch weit mehr. In ihrem Buch Ich bin Büdchen – Vom echten Leben zwischen Bömskes und Bier erzählt die Betreiberin von „brucKis büdchen“ und den Menschen, die täglich an ihrem Verkaufsschalter auftauchen.

Sie macht nicht sich selbst zur eigentlichen Hauptfigur, sondern die Menschen, die durch das Schiebefenster mit ihr in Kontakt kommen. Da gibt es Kunden, die lediglich eine Packung Zigaretten oder ein Bier kaufen. Andere bleiben länger, erzählen von ihrem Leben, ihren Problemen oder Sorgen. Manche kommen immer wieder, weil sie neben einem Getränk auch ein offenes Ohr suchen. Aus dem scheinbar unspektakulären Alltag einer Trinkhalle entsteht so ein vielschichtiges Bild des Lebens in einem Duisburger Stadtteil.

Zwischen Originalen, Schicksalen und Alltag

Die Inhaltsbeschreibung des Buches verspricht Geschichten über „Stammkunden und schräge Typen“, aber auch über stille Helden, tragische Schicksale und große Gefühle. Diese Mischung bestimmt den Charakter des Buches. Zu den beschriebenen Figuren gehören beispielsweise Kunden mit Spitznamen wie „Korn-Opa“, „Kuss-Kurde“ oder „Die Fettpeitsche“. Die Namen allein vermitteln bereits einen Eindruck vom humorvollen und gleichzeitig sehr persönlichen Ton des Buches.

Die Autorin beobachtet ihre Kundschaft genau und verwandelt alltägliche Begegnungen in kleine Geschichten. Dabei geht es nicht ausschließlich lustig zu. Zu den Menschen, von denen sie erzählt, gehören auch Personen mit Suchtproblemen, Einsame und Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Das Büdchen wird damit zu einem Ort, an dem ganz unterschiedliche soziale Wirklichkeiten aufeinandertreffen, und hinter einem kurzen Einkauf kann sich eine ganze Lebensgeschichte verbergen.

Hochheide jenseits der Schlagzeilen

Eine wichtige Rolle spielt der Schauplatz selbst, denn Duisburg-Hochheide ist ein Stadtteil, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit sozialen Problemen, Arbeitslosigkeit und Kriminalität verbunden wird. Durch die mediale Berichterstattung über die sogenannten „Weißen Riesen“ wurde Hochheide überregional als sozialer Brennpunkt bekannt.

Verena-Kristina Kirchberg kennt diese Vorurteile, stellt ihnen jedoch ihren eigenen Blick auf den Stadtteil entgegen. Sie beschreibt ihn als vielfältigen Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und als einen Ort, an dem Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander leben. Gleichzeitig werden die schwierigen Seiten durchaus angesprochen. Im Umfeld des Büdchens begegnet die Betreiberin Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen, erlebt familiäre Schwierigkeiten und sieht Kinder, um die sich ihrer Wahrnehmung nach zu wenig gekümmert wird.

Ruhrpott-Sprache als Teil der Atmosphäre

Zum besonderen Ton des Buches gehört die Sprache, die weniger literarisches Stilmittel als vielmehr Teil der Milieudarstellung ist. Die Autorin lässt den Ruhrpott-Ton ihrer Umgebung in ihre Texte einfließen. Formulierungen wie „Wat krisse?“ oder „kommste ausm Kopfschütteln nicht mehr raus“ gehören zum sprachlichen Konzept.

Das wirkt authentisch und passt zum Schauplatz. Gleichzeitig dürfte genau dieser Stil die Leserschaft spalten. Wer den Slang des Ruhrgebiets liebt, wird vermutlich Freude daran haben. Wer jedoch eine sprachlich stärker ausgearbeitete literarische Prosa erwartet, könnte die bewusst mündliche und teilweise derbe Ausdrucksweise als sprachlich eher begrenzt empfinden.

Viele Begegnungen statt einer großen Handlung

Ich bin Büdchen ist keine klassische Autobiografie, denn statt einer durchgehenden Handlung reiht Verena-Kristina Kirchberg reale Begegnungen und Anekdoten aneinander. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die Autorin kann viele unterschiedliche Menschen und Situationen vorstellen. Eine Geschichte folgt auf die nächste, eine komische Episode kann unmittelbar neben einer traurigen stehen.

Gleichzeitig liegt genau hier auch die größte Schwäche des Buches. Wer einen großen erzählerischen Spannungsbogen erwartet, dürfte enttäuscht werden, da die einzelnen Geschichten nicht zwingend aufeinander aufbauen. Der Reiz entsteht vielmehr aus der Summe der Begegnungen.

Ich bin Büdchen ist ein authentisches und unterhaltsames Buch über einen ungewöhnlichen sozialen Mikrokosmos. Nicht immer tiefgründig, gelegentlich etwas romantisierend, dafür mit viel Herz, Ruhrpott-Humor und einem bemerkenswert genauen Blick für die kleinen Geschichten des Alltags.

Ich bin Büdchen von Verena-Kristina Kirchberg

Buchcover: Ich bin Büdchen von Verena-Kristina Kirchberg

Ein Blick durchs Schiebefenster von „brucKis büdchen“: bewegende Lebensgeschichten, Ruhrpott‑Humor und authentische Einblicke in den Alltag von Duisburg‑Hochheide.

Bildquelle: Kösel Verlag