Das Geheimnis von Walker – Eine Geschichte zwischen Katastrophe, Hoffnung und Rätseln

Buchcover: Das Jahr der Wale von Kelly Anderson

Nach dem Tsunami: Ein Fremder taucht auf

Nach einem verheerenden Tsunami, bei dem sich Annie MacLeod und ihre Großmutter Ruth vor vier Tagen auf höher gelegenes Land in eine Hütte retten konnten, entdeckt Annie einen nackten Mann, der im Sand zusammenbricht. Die herbeigerufene Ruth fühlt einen schwachen Puls, worauf die beiden Frauen den Unbekannten mit einer Schaufeltrage die zehn Meter hohe Steilküste hinaufhieven. Der sich Walker nennende junge Mann erholt sich, spricht wenig und weicht nicht von Annies Seite. Ein von ihm ausgehendes Summen hört nur sie, das ihr „zugleich seltsam und vertraut“ vorkommt. Walker folgt Annie nach Hale’s Landing, wo Isaac Hale, der Vater von Annies Freund Evan aus Kindheitstagen, mit seinem Bagger bei den Aufräumarbeiten hilft.

Überleben in einer zerstörten Welt

Wie vor fünfzig Jahren müssen die Überlebenden des Tsunamis im Nirgendwo leben, aufs Plumpsklo gehen und auf Hilfe warten. Nach zwei Wochen kommt endlich die Küstenwache, bringt Lebensmittel und gibt Tipps zur Wasseraufbereitung. Isaac Hale nötigt Evan zur Mithilfe in seinem Forstbetrieb, weil das Überleben aller Bewohner von Hale’s Landing davon abhänge. Tatsächlich fühlt sich der Sohn seinem Vater verpflichtet und steht Annie nicht, wie von ihr erhofft, bei.

Da die Küstenwache noch keinen Wiederaufbau leisten kann und die Evakuierungen erst in Monaten anlaufen, ziehen sich die von Evan enttäuschte Annie und Ruth wieder in ihre Hütte zurück. Doch als Evan seinem Vater zusagt, für eine Woche Baumflöße allein durch den rauen Kanal zu bugsieren, sorgt sie sich um ihn und fürchtet um sein Leben. Später kommt noch der Kummer um Ruth hinzu, die wegen ihrer Leukämie dringend eine Transfusion benötigt.

Die Zeit vor der Katastrophe

Zwischen diesen JETZT-Ereignissen erzählt Kelly Anderson in VORHER-Kapiteln, wie Dr. Aiden MacLeod und die im achten Monat schwangere Mara glücklich im Pazifik auf der Amphitrite segeln und vom Fischverkauf leben. Im Alter von sechs Jahren lernt ihre Tochter Annie Evan Hale kennen, der nach dem Tod seiner Mutter Celeste einen Sommer mit ihnen segelt. Mit Annie, die nur ein Jahr die Schule besucht und von ihrem Vater alles lernt, kann er nur die Sommermonate verbringen, da ihre Familie im Winter in südlichen Gewässern segelt.

Mit achtzehn Jahren sind Annie und Evan unzertrennlich. Sie tauschen mehr als nur Küsse aus. Nachdem sie wieder fast ein Jahr getrennt waren, besuchen beide eine Party, während Annies Eltern zum ersten Mal allein segeln. Doch tags darauf wird Hale’s Landing vom Tsunami heimgesucht, dem wahrscheinlich auch ihre Eltern zum Opfer gefallen sind.

Gefährliche Entscheidungen auf dem Wasser

In der Fortsetzung des aktuellen Geschehens schließt sich Walker dem Baumflößen von Evan an, nachdem dieser Ruth bereits ins Krankenhaus gebracht hat. Doch Isaac, der das große Geld wittert, besteht trotz aufziehenden Schlechtwetters auf der nächsten Überführung. Trotz aller Bedenken machen sich Evan und Walker auf den Weg und werden von dem früh und heftig hereinbrechenden Unwetter überrascht.

Zwischen Realität, Naturwissen und Rätseln

Die Autorin beginnt ihren in vielerlei Hinsicht interessanten Debütroman Das Jahr der Wale* mit der Meldung über ein registriertes Erdbeben und erzählt anschließend im Wechsel von JETZT und VORHER. Später folgt ein Sprung um sechs Jahre nach vorn, ehe sie gegen Ende fast vierzig Jahre zurückgeht zur Kennenlernzeit von Dr. Aiden MacLeod und Mara, die nie Land betritt und von vielen Menschen für verrückt gehalten wird.

In den Plot lässt Kelly Anderson, selbst Ärztin und Referentin medizinischer Themen, zahlreiche medizinische Fachbegriffe einfließen, die selbst medizinisch interessierten Lesern nicht immer geläufig sein dürften. Diese sind jedoch ebenso wie die Segelfachbegriffe für das Verständnis der Handlung nicht entscheidend. Interessant sind die Ausführungen über das Verhalten von Hühnern, Bienen und Hunden vor Erdbeben sowie darüber, wie Elefanten, die mit den Füßen hören, miteinander kommunizieren. Zudem weist die Autorin auf die Verschmutzung der Meere hin, die vielen Tieren zum Verhängnis wird.

Ein Roman voller Geheimnisse

Die Protagonistin Annie hält es seit dem Tsunami ohne Ohrstöpsel nicht mehr aus, da ihr alles zu laut ist. Als einziger Mensch hört sie das von Walker ausgehende Summen. Woher er stammt, wird an keiner Stelle des aus dem amerikanischen Englisch von Johannes Sabinski übersetzten Romans Das Jahr der Wale* erklärt. Auch Walkers Äußerung, der Ozean sei in ihnen, wirkt ungewöhnlich. Ebenso erinnert die Schilderung, Annie sei im Pazifik in „schneidend kaltes Wasser“ hineingeboren worden, eher an eine märchenhafte Erzählweise.

Für was auch immer ein Leser diesen Roman halten mag: Die einzige Enttäuschung besteht darin, dass diese spannende und zugleich zauberhafte Geschichte mit der letzten Seite endet.

Das Jahr der Wale von Kelly Anderson

Buchcover: Das Jahr der Wale von Kelly Anderson

Nach einem verheerenden Tsunami trifft Annie auf den geheimnisvollen Walker. Ein faszinierender Roman über Überleben, Naturgewalten und unerklärliche Verbindungen.

    Übersetzung: Johannes Sabinski
    Verlag: Droemer
    Erscheinungsjahr: 2026
    Seitenzahl: 384
    Genre: Roman

Bildquelle: Droemer Verlag

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