Hinter dem Deich, abseits des Dorfes gelegen, haben die Vorfahren von Inge Boysen das Haus Tide auf einer Insel in der Nordsee errichtet. Als die fast Achtzigjährige nach den Weihnachtsfeiertagen scheinbar tot in ihrem Bett liegt, informiert Schwiegertochter Kerrin die Verwandten. Doch bevor diese eintreffen, wird klar, dass es sich um ein tragisches Missverständnis gehandelt hat.

Während Enno, der Angst vor einem Tumor hat, auf seinen Arzt wartet, ereilt ihn die erschütternde Nachricht seiner Frau Kerrin. Ihre Adoptivtochter Inka, die neuerdings den Gothic-Look bevorzugt, der aber fälschlicherweise für Trauerkleidung gehalten wird, reist aus Petersburg von einem Auslandsschuljahr an. Inges Tochter Gesa erfährt vom Tod der Mutter, als sie sich mit ihrem Liebhaber Matteo vergnügt, von dem sie ein Kind erwartet. Mit ihrem Mann Jochen und den Kindern Marten und Kaija reisen sie aus Hamburg an, womit sich Haus Tide immer mehr füllt. Natürlich sind alle von der Nachricht, dass Inge noch lebt, überrascht, aber dennoch froh. Trotz ihres Zustandes will Inge nicht ins Krankenhaus. Kerrin muss Schlafplätze für alle organisieren und vor allem auch alle satt bekommen, was sich besonders bei der Veganerin Berit, einer weiteren Tochter von Inge, als ein Problem herausstellt. Und Boy, der Bruder von Enno, Gesa und Berit, erreicht die Todesnachricht im Pazifischen Ozean erst zwei Tage später.

Jeder geht davon aus, bald wieder abreisen zu können. Wegen des bisher milden Winters wähnen sie sich in Sicherheit, glauben nicht an Inges Prophezeiungen und hören nicht die Sturmwarnung. Schließlich verhindert Blitzeis ein Wegkommen von der Insel, Erinnerungen an einen Katastrophenwinter werden wach, die Vorräte gehen zu Neige, und sie müssen ohne Licht und ohne Heizung, vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, ausharren. Die Frage, wer das Haus erben soll, wird aufgeworfen, wobei Überraschungen nicht ausbleiben. Insgesamt nehmen die Spannungen untereinander zu, und Inka lüftet ein Geheimnis, das mit Boy zu tun hat, der sich auf ein lebensgefährliches Abenteuer auf See einlässt.

Sybil Volks entführt den Leser in ihrem Roman Wintergäste in eine Welt, in der die Menschen noch vom Aberglauben geprägt sind. Wegen der nur äußerst sparsam eingesetzten Dialoge hinterlässt der Roman zunächst einen schleppenden, sich in die Länge hinziehenden Eindruck. Denn indem die Autorin nur von den alten Erinnerungen, Gedanken, Probleme oder Hoffnungen der Kinder, Schwieger- und Enkelkinder von Inge schreibt, geschieht eigentlich nichts. Aber gerade das zeugt von literarischem Können, wenn Sybil Volks‘ handlungsarme Begebenheiten über viele Seiten sprachgewaltig und mit wunderbaren Umschreibungen ausführt.

Kurz werden Themen wie die Problematik der ansteigenden Meeresspiegel oder die aktuelle Situation vieler Flüchtlinge im Mittelmeer angesprochen. Der Leser stolpert immer wieder über sinnreiche Aussagen wie die, dass man nicht weiß, wenn man glücklich ist, sondern nur, wenn man es war. Die Handlung spitzt sich ganz allmählich, aber umso dramatischer zu, wenn der Schneesturm in der Silvesternacht einen Höhepunkt erreicht. Parallel dazu wächst auch die Spannung bezüglich eines Geheimnisses, das sich Kerrin und Inge teilen. Für den Roman Wintergäste sollte sich der Leser Zeit nehmen, damit er die Stimmungen und Gefühle auf sich wirken lassen kann.

Sybil Volks, Wintergäste, Deutscher Taschenbuch Verlag 2015, Klappenbroschur, 416 Seiten, ISBN 978-3-423-26080-0, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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