Auch in dem zweiten Ostseekrimi von Birgit Lohmeyer begegnet der Leser dem Wismarer Bewährungshelfer Uwe Weller. Doch steht der in dem Roman Wellers Zorn selbst im Mittelpunkt des Geschehens und gerät dabei in einen Konflikt zwischen seinen moralischen Grundsätzen und persönlichen Interessen.

Nach einer zwölfeinhalbjährigen Haftstrafe wegen Totschlags steht Wolfgang Zorn seit neun Monaten bei Uwe Weller unter Führungsaufsicht. Er ist für Weller ein angenehmer Klient, der alle schweren Körperverletzungen einschließlich seiner letzten Tat unter starkem Alkoholeinfluss begangen hat. Doch nun nimmt er an einem Anti-Gewalttraining teil und ist bemüht die Finger vom Alkohol zu lassen. Nach einem brutalen Mord an einer Wismarer Studentin vernehmen Beamte der Kripo Schwerin Wolfgang Zorn in seiner Wohnung, obwohl gegen ihn nicht mehr vorliegt als seine Vorstrafen. In der Nachbarschaft spricht sich schnell herum, dass in der Hausnummer sechs ein ehemaliger Gewalttäter wohnt und schnell haben sich zwanzig bis dreißig Leute zusammengefunden, die lautstark fordern: „Mörder raus!“

Durch einen seiner Klienten kommt Weller in den Besitz einer CD mit Fotos von Frauen, die anscheinend heimlich von einem Voyeur gemacht wurden. Eines der Fotos zeigte die ermordete Studentin Marlen Hausmann, ein anderes Wellers Ehefrau Ellen, die nackt durch das Badezimmerfenster fotografiert wurde. Als die Ermittlungen der Kripo ergeben, dass Wolfgang Zorn, der Hobbyfotograf ist, einen Fotokurs von Marlene Hausmann besucht hat und kein Alibi für die Tatzeit vorweisen kann, wird Weller nicht nur misstrauisch, sondern verdächtigt seinen Klienten.

Der Kriminalroman Wellers Zorn von Birgit Lohmeyer setzt sich mit dem Thema Gewalttäter auseinander, für die eine Resozialisierung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft nur schwer oder gar nicht möglich ist. Sie werden nach dem Gefängnisaufenthalt unter Führungsaufsicht gestellt, intensiv überwacht und kontrolliert. Eine wirkliche zweite Chance haben sie aufgrund von Vorurteilen nicht. Das Ungewöhnliche an Birgit Lohmeyers Roman ist, dass der Ich-Erzähler ein Mann ist, doch für diese Perspektive müsste die Autorin wissen, wie Männer eigentlich ticken. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass der Protagonist Uwe Weller völlig irrational handelt. Am Ende fragt er sich, wo seine Empathie, sein Gespür, die Intuition geblieben ist. Sie haben versagt, wie auch der Versuch der Autorin in die Rolle eines Mannes zu schlüpfen gescheitert ist. Nichtsdestotrotz ist der Kriminalroman Wellers Zorn von Birgit Lohmeyer spannend und unterhaltsam geschrieben und vermag den Leser durchaus zu fesseln.

Birgit Lohmeyer Wellers Zorn, Hinstorff Verlag 2013, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3-356-01559-1, Preis: 12,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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