Es gibt unzählige Bücher über Weihnachtsbräuche und natürlich auch mit Geschichten, die sich um das Weihnachtsfest drehen. Doch Elke Schleich hat sich in ihrem Büchlein ausschließlich mit Weihnachtsgeschichten aus dem Vest Recklinghausen befasst. So ist Günter als Busfahrer am Heiligen Abend in Gladbeck zu einer letzten Fahrt unterwegs und hofft auf einen entspannten Feierabend, bevor ihn sein letzter Fahrgast nachdenklich stimmt. Sylvia und ihr arbeitslos gewordener Mann Michael aus Polsum können ihre Kinder zum Weihnachtsfest nur dürftig beschenken, aber dann lässt sie ein Ereignis doch noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Gerd Bertram erzählt seiner Enkelin Lisa im Stadtgarten von Castrop, wie für ihn als Fünfjähriger während des Krieges das Weihnachtsfest ausfiel, während Connis Gedanken zu einem kalten Dezember 1969 schweifen, als sie mit sechzehn Jahren an der Stever in Haltern Peter getroffen hat. Auch Dieters Schwester erinnert sich, wie an einem Samstag vor dem 3. Advent in der Waltroper Kolonie der erste Schnee fiel und die Geschwister am nächsten Morgen mit den Nachbarskindern einen Schneemann-Wettbewerb veranstaltet haben. Harald, ein sechsundfünfzigjähriger Hartz-IV-Bezieher, will im Nikolauskostüm und mit Spielzeugpistole die Sparkasse in Datteln überfallen und ist über die weitere Entwicklung erstaunt.

Weil Petras Enkelin am 2. Advent bei einer Quadrille mitmachen soll, lässt sich Petra von Elke in einem Café in Westerholt deren Bedeutung erklären. Die kleine Julia trauert um ihren Teddy Pauli, der vor Weihnachten erkrankt ist und glaubt, ihn im Gertrudis-Hospital in Westerholt besuchen zu können. Eine Mutter kann ihre Tochter dazu überreden, am 2. Weihnachtstag mit ihr zum Gottesdienst nach Alt-Wulfen zu kommen, die Kioskbesitzerin Frieda Lipinski trifft am Heiligen Abend in Recklinghausen eine Entscheidung und Florian verbringt nicht zum ersten Mal den Jahreswechsel auf der Halde Ewald-Fortsetzung in Oer-Erkenschwick.

Elke Schleich hat diese elf Geschichten noch durch Informationen zum Lichterwald am Schloss Herten und dem Weihnachtsmarkt in Westerholt ergänzt, dem Städtchen, das ihr selbst seit Jahren zur Heimat geworden ist. Sie schreibt in einfachen und für jeden verständlichen Worten, was aber gerade das Besondere ausmacht. Denn damit erreicht sie, dass sich der Leser selbst als Teil der anschaulichen Geschichten fühlt. Die Inhalte sind weniger amüsant, als vielmehr nachdenklich stimmend, denn die Autorin schildert Begebenheiten aus dem alltäglichen Leben, wozu nun einmal auch traurige Schicksale gehören.

Wenn auch heutige oder ehemalige Bewohner des Ruhrgebiets aus persönlicher Betroffenheit eine besondere Freude an den Weihnachtsgeschichten aus dem Vest Recklinghausen haben dürften, weil ihnen die Orte zum größten Teil bekannt sind, so sei das nette Büchlein von Elke Schleich aber auch allen anderen Lesern wärmstens empfohlen. Denn bei vielen wird es Erinnerungen an vergangene Zeiten wachrufen, ob es sich nun um vergessene Kindheitserlebnisse oder später gemachte Erfahrungen handelt. Vielleicht führt die Lektüre sogar dazu, sich mit Freunden darüber in gemütlicher Runde auszutauschen und zu fragen, wie es damals so war. Auf jeden Fall sind ein paar ruhige Minuten zum Träumen garantiert.

Elke Schleich, Weihnachtsgeschichten aus dem Vest Recklinghausen, Wartberg Verlag 2017, Hardcover, 80 Seiten, ISBN 978-3-8313-3004-1, Preis: 11,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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