Obwohl die Öffentlichkeit durch die in letzter Zeit immer häufiger bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch sensibilisiert sein müsste, werden allein in Deutschland jedes Jahr immer noch tausende Kinder sexuell missbraucht. Offensichtlich können sie sich niemandem anvertrauen oder anders ausgedrückt, es sehen zu viele lieber weg. Ihr Schicksal teilt in dem Kriminalroman Papa hat dich lieb auch die 18-jährige Eva in dem rheinland-pfälzischen Alzey. Ihre Freundin Angelika, die alleine bei ihrer Mutter Maike Berger lebt, fällt eine zunehmende Veränderung an ihr auf. Als Eva spurlos verschwindet, warnt Kriminalhauptkommissar Alfred Breuner die Mutter von Angelika vor weiteren Nachforschungen, zumal Eva bereits volljährig ist. Doch dadurch lässt sich Angelika nicht einschüchtern. Sie reagiert auf eine verschlüsselte Botschaft, die sie per Mail erhält und besucht auch die Klavierlehrerin Dorothea Bellmann, die Eva als letzte lebend gesehen hat. Angelika ahnt nicht, dass Gefahr ausgerechnet von einer unerwarteten Seite droht.

Die Eltern von Eva bitten die Klavierlehrerin und Maike Berger mit ihrer Tochter zu einem Gespräch. Maike, die als Pharmareferentin arbeitet, berät sich daraufhin mit ihrem ehemaligen Dozenten über psychologische Verhaltensweisen. Conrad Christen, ein weiterer Freund, verschafft sich auf ihre Bitte illegal Zugang zu fremden Computernetzwerken und liefert dadurch den Beweis für einen schlimmen Verdacht. Doch plötzlich verschwindet auch ihre Tochter Angelika und sie drängt den Kommissar zum Handeln.

Mit dem Kriminalroman Papa hat dich lieb spricht Gerd J. Merz ein leider immer noch tabuisiertes Thema an. Denn vielen Opfern könnte geholfen werden, wenn Erzieher, Nachbarn oder Freunde nicht verschämt wegsehen würden. Ganz schlimm ist es, wenn ein Kind von einem Elternteil missbraucht wird und der andere Elternteil dazu schweigt, wobei durchaus auch die eigene Mutter als Sexualstraftäterin in Frage kommt! Diese Möglichkeit wird von der Gesellschaft noch weniger wahrgenommen und so schwer diese Vorstellung auch sein mag, ist sie dennoch traurige Wirklichkeit. Im Vordergrund dieses Romans steht weniger die Ermittlungsarbeit der Polizei, obwohl der Charakter des Kommissars vom Autor gut herausgearbeitet wurde. Mit seiner anfänglichen, scheinbaren Naivität erinnert er an Inspektor Hubbart aus dem Filmklassiker Bei Anruf Mord. Der Krimi beginnt mit einem Auszug aus einer Audiokassette, in der Klara ihre Leidensgeschichte vom 5. Lebensjahr an erzählt, was mit drei weiteren Auszügen eine Fortsetzung findet. Auch wenn Gerd J. Merz dem Leser psychologische Hintergründe zum besseren Verständnis vermittelt und deutlich macht, wie ein Mensch zum Eigenschutz eine Persönlichkeitsspaltung entwickelt und somit sogar Opfer zu Tätern werden können, so hat er dieses explosive Thema doch äußerst spannend und mitreißend umgesetzt. Noch bevor der ahnungslose Leser eine Neuigkeit verdaut hat, hält der Autor für ihn wenige Zeilen weiter eine nächste Überraschung bereit.

Die in dem Buch erwähnte Sängerin Sinéad O’Connor hat tatsächlich im Oktober 1992 live im amerikanischen Fernsehen auf die Leugnung von Kindesmissbrauchsfällen in der katholischen Kirche aufmerksam gemacht, Psychotherapeuten machen sich ebenfalls die erwähnte Theorie nach dem „Kern-Schalen-Modell“ zunutze und sogar die Polizeidienstvorschrift 389 hat Gerd J. Merz bestens recherchiert. Es lohnt sich auf jeden Fall nicht wegzusehen, wenn man auf das Buch Papa hat dich lieb bei einem Buchhändler aufmerksam wird.

Gerd J. Merz, Papa hat dich lieb, Leinpfad Verlag 2013, Broschur, 340 Seiten, ISBN 978-3-942291-49-1, Preis: 11,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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