Würde eine Befragung darüber durchgeführt, was eigentlich ein Pfarr-Krimi ist, so wäre wohl in vielen Fällen die Antwort, dass es sich dabei um eine Kriminalgeschichte mit Pater Brown handelt. Die literarische Schöpfung des Father Brown von Gilbert Keith Chesterton wurde in Deutschland erst in den 1960er Jahren durch eine Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle bekannt und erlangte Kultstatus. Somit legt Johannes Gönner, der Pfarrer in der Canisiuskirche in Wien ist, die Messlatte für seinen Pfarr-Krimi Nichts ist vergessen ziemlich hoch.

Als Franziska ihren Freund Kostas und seine Familie auf Kreta besucht, weiß Pfarrer Stefan Katzner von der Canisius Pfarre in Wien noch nicht, dass sie ihre Arbeitsstelle bei ihm gekündigt hat, um nach ihrem Urlaub gemeinsam mit Kostas ein Restaurant gleich gegenüber der Kirche zu eröffnen. Auch Clara, ein weiteres Mitglied der Gemeinde, gibt ihren Job bei der Hotline von Sunny Tours auf, um während der Feierlichkeiten zu ihrem zwanzigsten Hochzeitsjubiläum, nach einem filmreifen Abgang in der Kirche, spurlos zu verschwinden. Der Diakon Eberhard Meininger, der nach einem einjährigen Praktikum in der Pfarre seine Ferien auf Kreta verbringt, kehrt am Ende seines Urlaubs nicht wieder nach Wien zurück, sondern bleibt auf der Insel, wo er in einem Supermarkt zufällig auf Clara trifft. Arnold Konzelmann verwandelt die beiden Türme der Canisiuskirche in ein farbenfrohes Kunstwerk, was zu einem unerwarteten Andrang von Reisegruppen zu Besichtigungen führt, aber die Gemeinde in verschiedene Lager spaltet. Als in dem geliebten VW-Käfer von Gregor eine rote Farbpatrone explodiert, ist das bereits der dritte Anschlag gegen ein Mitglied der Gemeinde, und auch für einige großzügige, anonyme Geschenke findet Pfarrer Stefan Katzner keine Erklärung.

Vom Kultstatus ist der durchaus unterhaltsame Roman Nichts ist vergessen von Johannes Gönner wohl weit entfernt. Selbst einen Kriminalfall muss der Leser erst einmal suchen, denn zunächst plätschert das Geschehen in mehreren Handlungssträngen vor sich hin. Als dann Arnold vom Kirchturm stürzt, gibt es aber doch noch einen Fall, dessen Ursprung allerdings schon über einhundert Jahre zurückliegt und das eigentliche Opfer zum Täter werden ließ. Der durch die rätselhaften Ereignisse in die Handlung eingebrachte Ermittler, Inspektor Ruhandl, erfüllt wohl die klischeehaften Vorstellungen, die ein katholischer Pfarrer von einem Inspektor hat, denn er ist jung, etwas zu übereifrig und karrieregeil sowie anscheinend völlig unfähig. Im Übrigen wirkt der gesamte Plot ziemlich konstruiert und realitätsfremd, was dem Unterhaltungswert aber keinen Abbruch tut. Wer einen spannenden Pfarr-Krimi erwartet, wird von Nichts ist vergessen enttäuscht sein. Bei einem Urlaub auf Kreta kann der Roman aber durchaus eine amüsante Abwechslung darstellen und zu der einen oder anderen Erkundungstour auf der Insel motivieren.

Johannes Gönner, Nichts ist vergessen, Styria Krimi 2014, Broschur, 288 Seiten, ISBN 978-3-222-13450-0, Preis: 12,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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