Rainer Wittkamp

Foto Claudia Chiecchi

Rainer Wittkamp, der 1956 in Münster geboren wurde, zog es nach dem Abitur und einer Lehre nach Berlin, um sich dort einem Studium zu widmen. Er darf sich heute nach der Veröffentlichung von fünf Romanen und einiger Kurzgeschichten in Anthologien glücklich schätzen, dass ihm am 12. November 2016 der Berliner Krimipreis „Krimifuchs“ verliehen wurde.

Hallo, lieber Rainer! In deinem neuen Kriminalroman Hyänengesang hast du wieder einmal die Leser mit einer Menge Zusatzinformationen „gefüttert“. Ich muss zugeben, dass ich besonders die Ausführungen über den Teufelsberg mit Interesse gelesen habe und kann mir vorstellen, dass nicht einmal alle Bewohner von Berlin wissen, dass es sich dabei genau genommen um einen Schrottberg handelt.

In meiner Martin-Nettelbeck-Reihe, die ja fast ausschließlich in Berlin spielt, bemühe ich mich, unverbrauchte Handlungsorte zu finden, um so meine Leser noch stärker in meine Geschichten einzubinden, also ihre Neugier zu wecken. Von zahlreichen Rückmeldungen weiß ich, dass viele Leser das sehr schätzen.

Das kann ich nur bestätigen, denn auch ich liebe es, wenn ich Wissenswertes über die Handlungsorte erfahre, was ich stets mit Interesse verfolge. Wirklich baff war ich dann aber, als ich das Ergebnis einer Autopsie las, in der von „konsekutivem Hirnödem“ und einer „Berstungsfraktur mit vollständiger Trennung der occipitalen Kalotte“ die Rede ist. Obwohl ich in medizinischen Fragen nicht unwissend bin, musste ich in den Fällen doch nachschlagen. Nicht nur mich, sondern auch unsere Leser interessiert bestimmt, woher du diese Kenntnisse beziehst? Wirst du bei deinen Romanen von einem Mediziner beraten?

Bei medizinischen, juristischen und polizeilichen Aspekten lasse ich mich immer beraten. Das halte ich für sehr wichtig. Es gibt zwar so etwas wie „künstlerische Freiheit“, aber man sollte sie nicht benutzen, um seine Leser zu irritieren.

Das ist sehr lobenswert. Für dich bedeutet das sicherlich eine Menge Arbeit, während der Leser die entsprechenden Stellen in kürzester Zeit gelesen hat. Um beim Thema zu bleiben: In deinem Roman erwähnst du eine Droge, die aus den Knochen des Nebelparders hergestellt worden sein soll. Der Nebelparder existiert, doch wie verhält es sich mit dem Mittel, das Roman Weiden in einer Überdosis zu sich genommen hat? Mal Butter bei die Fische: Entspringt das deiner Fantasie? Wie kommst du auf solche Gedanken? Oder wird tatsächlich irgendwo auf der Welt so etwas angeboten?

Die Essenz aus den Knochen des Nebelparders fällt unter „künstlerische Freiheit“. Die habe ich mir selbst ausgedacht. Ist aber eine Hammer-Droge, nicht wahr?! 😉

Das kannst du wohl sagen! Widmen wir uns deinen Protagonisten. Die Kriminalrätin Jutta Koschke pflegt ein ungewöhnliches Hobby: Sie sammelt Fischpräparationen und ihre Sammlung wird immer wieder durch neue Exemplare mit seltsam klingenden Namen ergänzt. Oberwachtmeister Eugen Krausnick scheint auch ein Unikum, wenn er Dutzende bunte Freundschaftsbänder um sein Handgelenk trägt. Nicht zu vergessen Jens Todsen, der als Assistent einen reichen Mann bedient und durch seine Dreadlocks auffällt. Von Isabel Allende weiß man, dass ihre Romanfiguren reale Vorbilder haben. Ist das bei dir auch der Fall?

Reale Vorbilder gibt es so gut wie keine für meine Figuren. Nur in zwei der Bücher – Hyänengesang gehört dazu – gibt es vage Anklänge an reale Figuren. Ich benutze aber schon mal eine Eigenart einer Person oder ein Detail ihrer äußeren Erscheinung, wenn es mir bemerkenswert erscheint. Aber das kommt nicht sehr häufig vor.

Gibt es denn die Reise betreffend, die Martin Nettelbeck mit seiner Familie nach Ghana unternehmen möchte, einen Bezug? Natürlich kann man all diese Infos auch aus dem Internet beziehen. Aber vielleicht verrätst du unseren Lesern, ob du diese Reise tatsächlich schon selbst mit deiner Familie unternommen hast.

Ich war zehn Jahre lang mit einer Lady aus Ghana verheiratet. Also kenne ich das Land ziemlich gut. In Theorie und Praxis.

Das erklärt natürlich den Einbau in den Plot, womit du den Leser unzweifelhaft neugierig auf das Land und seine Sehenswürdigkeiten gemacht hast. Wie verhält es sich denn mit den doch sehr ins Detail gehenden Ausführungen zum Jazz? Dass du fachlichen Rat für die Hinweise zur Posaune einholen konntest, steht in deiner Danksagung. Doch du sprichst auch vom Austausch über musikalische Themen. Liege ich mit meiner Vermutung richtig, dass du ein Liebhaber des Jazz bist?

Ich schreibe immer zu Musik und bin da in bester Gesellschaft. Ian Rankin macht es zum Beispiel genauso. Ich liebe Jazz, aber auch viele andere Musikstile: Techno, Hiphop, Klassik, moderne Avantgardemusik, Folk, Pop… Ich habe da keinerlei Berührungsängste. Gute Musik ist gute Musik. Egal, welcher Stilrichtung.

Ich muss gestehen, dass ich auch eine breit gefächerte Vorliebe für Musik habe, aber doch nicht in dem Maße. Natürlich habe ich mich schon auf deiner Webseite schlau gemacht. Dabei ist mir eine Fotoreihe aufgefallen, ja, lach nicht, und du ahnst vielleicht schon, worauf meine nächste Frage abzielt: Der Bärtige, Langhaarige, bist du das?

Richtig: Porträt des Autors als junger Dachs! 😉

Ja, so war das damals. Wir haben uns alle verändert… Deine Romane, allesamt im Grafit-Verlag erschienen, sind jeweils in einem zeitlichen Abstand von einem Jahr veröffentlicht worden. Das bedeutet wohl, dass nach einem Roman immer vor einem Roman ist, oder? Mit anderen Worten: Sobald du ein Manuskript versendet hast, muss in deinem Kopf ein neuer Plot reifen.

So ist es. Momentan steht für den Nettelbeck-Roman Nr. 6 nur der Arbeitstitel „Nattern-Schwüre“. Die eigentliche Geschichte muss sich erst noch im Kopf entwickeln.

Das wundert mich jetzt schon, dass der Titel vor der Entwicklung der Geschichte steht. Aber wie du sagst, ist es erst der Arbeitstitel, der später nicht auf dem Cover erscheinen muss. Womit wirst du deine Leser als nächstes überraschen?

Im Herbst erscheint eine Anthologie zum 25. Jubiläum des Berliner Krimipreises, in der ich vertreten bin. Und im kommenden Jahr neben Nettelbeck 6 die Auftaktbände zu zwei weiteren Krimireihen, die ich jeweils mit einem anderen Autoren schreibe. Völlig anders als meine Nettelbeck-Reihe. Man darf gespannt sein. :-)

Da hast du dir wieder einiges vorgenommen. Vor allem die Zusammenarbeit mit einem anderen Autor stelle ich mir nicht immer einfach vor. Ich danke dir für das Interview und wünsche dir für deine berufliche Zukunft weiterhin Erfolg!

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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