Für den sechzehnjährigen Andi und seine Mitschüler dreht sich alles nur noch um Mädchen und das Hormon Testosteron hat sie voll im Griff. Andi hat es besonders Katja aus der Parallelklasse angetan und um den enormen sexuellen Druck aushalten zu können, muss er häufig masturbieren. Selbst der Anblick seiner zwei Jahre älteren Schwester Christine in Unterwäsche stimuliert ihn so, dass er davon einen „Ständer“ bekommt.
Wegen einer Auslandsreise ihrer Eltern soll die gleichaltrige Lilli für zwei Wochen während der Ferien bei Andis Familie aufgenommen werden. Für Andi ist der Gedanke daran der blanke Horror, denn mit ihr hat er als Siebenjähriger Doktorspiele veranstaltet und sie wollte damals von ihm wissen, ob alle so einen Kleinen haben wie er. Seitdem hat ihn die Sorge um sein bestes Stück nicht mehr losgelassen. Ausgerechnet diese Lilli soll nun zu ihnen kommen und er fiebert dem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen.

In Bobby, mit dem Andi seit zwei Jahren zerstritten ist, sieht er seinen größten Rivalen und es packt ihn die Eifersucht, wenn Lilli, in die er sich sofort verliebt hat, sich mit Bobby trifft. Andi entpuppt sich wiederholt als Lebensretter, als er Katja in einem Badesee vor einer Schlange und damit vor dem Ertrinken bewahrt und die sich auf einen Baum flüchtende Lilli vor einem Hund retten kann. Um bei den Mädchen zu punkten, holt er sich fachlichen Rat im Internet. Unter dem Pseudonym Krassomir meldet er sich in einem Chat an und erhält auf seine Fragen von seinem Chatpartner, der sich Definitiv nennt, klare Anweisungen.

Jaromir Konecny nimmt in dem Jugendbuch Doktorspiele kein Blatt vor den Mund und beschreibt die Gefühle von pubertierenden Jungen sehr deutlich in einem umgangssprachlichen Schreibstil. Sein Protagonist Andi erzählt aus der Ich-Perspektive und spricht den Leser auch ganz direkt an. Für Andis nur zu menschlichen Bedürfnisse und Probleme wird jeder Heranwachsende vollstes Verständnis aufbringen, da er sie von sich selbst kennt. Die vielen Doppeldeutigkeiten, die bei den Beteiligten des Romans immer wieder für kleine Missverständnisse sorgen, beleben das Buch und zusammen mit den sarkastischen Untertönen machen sie daraus eine perfekte, amüsante Story. Obwohl dem Autor in erster Linie nur an einer authentischen Aufklärung junger Leute gelegen ist, hat er Soaps und Casting-Shows kritisiert und auch, dass von den Städten kein Geld in Sozial-Wohnungen für Ausländer-Siedlungen gesteckt wird.

Lesungen aus dem bereits im Jahr 2009 erschienenen Roman Doktorspiele wurden von aufgebrachten Eltern in Marburg, Berlin und Dresden boykottiert, was die Frage offen lässt, wovor die Eltern ihre Kinder schützen wollten. Denn Jaromir Konecny will mit dem Roman lediglich aufzeigen, dass die beschriebenen Gefühle und Ängste junger Menschen völlig normal sind und dass sie sich dessen nicht schämen müssen. In für den Leser lustigen Szenen lässt er beispielsweise den Protagonisten vom Badewannenrand abrutschen und dabei erfahren, wie gefährlich das „Wichsen“ sein kann. Und am Ende ist Andi um einige Erfahrungen reicher, denn plötzlich erscheint der ewig dauernde Streit mit seinem ehemaligen Freund Bobby in ganz anderem Licht und auch seinen Vater sieht er mit anderen Augen. Den Durchblick, den Andi jetzt hat, ist auch all den Eltern zu wünschen, die ihren Kindern diesen herrlichen Roman vorenthalten wollten.

Jaromir Konecny, Doktorspiele, cbt Verlag 2011, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN 978-3-570-30722-9, Preis: 6,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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