Die Schweigende von Ellen Sandberg

Die SchweigendeAm Sterbebett ihres Vaters musste Imke versprechen, einen gewissen Peter aufzuspüren. Doch als sie ihre Mutter Karin Remy fragt, wer damit gemeint sein könnte, behauptet diese, keinen Peter zu kennen. Imke, die außer ihrer Arbeit als Übersetzerin nebenbei Seifen herstellt, richtet sich das Gartenhaus ihrer Mutter als Werkstatt ein. Bei der Entrümpelung stößt sie auf Unterlagen, die ihr vielleicht einen ersten Hinweis auf den Peter geben, den sie sucht: Von der Leiterin eines Erziehungsheimes wurde er im Jahr 1958 als vermisst gemeldet. Während Imke die weitere Suche nicht aufgibt und auf Unterstützung ihres Ehemannes Moritz bauen kann, kümmert sie sich als die fürsorglichste von drei Schwestern um ihre Mutter, die den Tod ihres Mannes Jens nach vierundfünfzig Ehejahren nicht überwinden kann. Zu allem Überfluss vernachlässigt Karin sowohl den bis zum Tod des Ehemanns gepflegten Garten, als auch neuerdings ihre Körperhygiene.

Imkes jüngere und ehrgeizige Schwester Anne kann unterdessen nicht verkraften, dass ihr eine bereits zugesagte Beförderung in eine leitende Position verwehrt wird, was bei ihr Rachegefühle gegen ihren Chef aufkommen lässt. Doch bei aller Enttäuschung freut sie sich auf den fünfzehnten Hochzeitstag mit Alex und hat bereits Pläne für ein Businesskonzept, für das ihr allerdings noch die finanziellen Mittel fehlen. An Geld mangelt es dagegen Schwester Geli nicht. Nachdem ihr Ehemann frühzeitig verstarb, blickt sie in eine hoffnungsvolle Zukunft und stürzt sich in Hochzeitsvorbereitungen.

Der Roman Die Schweigende * von Ellen Sandberg beschreibt zum einen das aktuelle Familiengeschehen um Mutter Karin und ihre drei unterschiedlichen Töchter. Allen wurde zwar eine gute Bildung zuteil, wozu der Vater als Zahnarzt über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügte, doch Liebe wurde ihnen zumindest von der Mutter nie entgegengebracht, die lediglich für das körperliche Wohl ihrer Töchter gesorgt hat. Anne, die Jüngste, galt von jeher als ehrgeizig und strebsam, während Imke als die mittlere Schwester für Zuverlässigkeit steht und Geli, die Älteste, die frühzeitig Witwe wurde, ist für ihren „Verschleiß“ an Männern bekannt.

Neben dem Geschehen, das von dem Familienleben geprägt wird, schreibt die Autorin von zurückliegenden Ereignissen, die im Jahr 1956 ansetzen: Wie ihr jüngerer Bruder Pelle besucht Karin ein Gymnasium. Sie träumt von einem Leben als Ärztin und trällert die aktuellen Songs ihres Idols Elvis. Obwohl ihre alleinerziehende Mutter Karin gewarnt hat, trifft sie sich heimlich mit ihrem Freund Fred und dessen Kumpel Mani, der von seinem Vater verprügelt wird und regelmäßig Prellungen davonträgt. Doch dann begeht sie in ihrem jugendlichen Leichtsinn einen schweren Fehler, der ihr Leben und das ihres Bruders für immer verändern wird. Es hat Auswirkungen bis in die nächste Generation und droht die Familie zu zerbrechen.

Ellen Sandberg hat in ihrem Roman Die Schweigende * ein düsteres und erst in neuester Zeit von der Kirche nicht mehr verschwiegenes Kapitel angesprochen: Es handelt vom Schicksal zehntausender Kinder, die bis in die siebziger Jahre in kirchlichen und staatlichen Heimen als billige Arbeitskräfte viele Stunden und mitunter sogar gefahrvolle Arbeiten verrichten mussten. Die ausgebeuteten Kinder haben oftmals keine Ausbildung machen können, sie wurden „im Namen des Herrn“ misshandelt und missbraucht und ihren Willen hat man gebrochen. Jahrzehnte hat die Öffentlichkeit weggeguckt. Erst die Journalistin Ulrike Meinhof, so schreibt die Autorin, hat diese Missstände aufgedeckt und öffentlich gemacht. Mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader hat sie Heimkinder befreit und sich für sie eingesetzt. Empfindlichen Naturen können die geschilderten unmenschlichen und grausamen „Erziehungsmethoden“ zusetzen, einen Kloß im Hals mögen viele bei der Lektüre verspüren, doch sollte das niemanden davon abhalten, diesen überaus vielschichtigen, aufrüttelnden und spannenden Roman zu lesen.

Die Schweigende
Ellen Sandberg
Die Schweigende *
Penguin Verlag 2020
Klappenbroschur
544 Seiten
ISBN 978-3-328-10485-8
Bildquelle: Penguin Verlag
* = Affiliate- / Werbelink


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